"Gesundheitsbereich bleibt eine Baustelle"

19. Juli 2006, 16:47
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Stark steigende Gesundheitsausgaben der öffentlichen Hand zwingen zu Sparmaßnahmen in den kommenden Jahren

Stark steigende Gesundheitsausgaben der öffentlichen Hand zwingen zu Sparmaßnahmen in den kommenden Jahren, sonst drohe eine Rationalisierung der Versorgung auf dem Rücken der Patienten. Wichtig sei eine überregionale Spitalsplanung, sagt IHS-Chef Felderer.

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Wien - Teils erhebliche Einsparmöglichkeiten im österreichischen Gesundheitssystem ortet Bernhard Felderer, Leiter des Wiener Instituts für Höhere Studien (IHS). Der von der Regierung vorgelegte "Strukturplan Gesundheit"sei ein Schritt in die "richtige Richtung". Ob sich die Bundesländer allerdings in der Umsetzung kooperativ zeigen werden, sei "offen". "Anspruch und Realität klaffen hier oft auseinander. Der Gesundheitsbereich bleibt eine Baustelle", sagt Felderer.

Der Ökonom kritisiert dabei den allzu ausgeprägten Föderalismus im Gesundheitssystem und fordert eine stärkere Zentralisierung der Agenden in Wien. Zum Standard sagte Felderer: "Wir haben zwischen den Ländern und sogar zwischen Spitälern innerhalb eines Bundeslandes hohe Produktivitätsunterschiede gefunden. Mit einer überregionalen Planung wäre da sehr viel herauszuholen."

Wie hoch das insgesamte Sparpotenzial im Gesundheitssystem sei, kann Felderer aufgrund der Komplexität der Materie nicht abschätzen. Einzelfallstudien zeigten aber sehr wohl die Richtung auf, in die es gehen könnte. So sei etwa untersucht worden, dass in Österreich überdurchschnittlich viele Operationen bei grauem Star im Krankenhaus statt wie in anderen EU-Ländern ambulant durchgeführt werden. Felderer: "Hier ließen sich Einsparungen von 30 Prozent erzielen."Keine Einsparmöglichkeit sieht der IHS-Chef hingegen bei Ärzten und dem Krankenpflegepersonal. "Das Personal in den Spitälern ist ausgelastet bis zum Gehtnichtmehr."

Die Mittel zur Bewältigung der absehbaren Kostensteigerungen im Gesundheitsbereich "sind eigentlich da", resümiert Felderer. Viele Sparmaßnahmen müssten aber angegangen werden, bis hin zur Ausschöpfung der technischen Möglichkeiten der E-Card, so Felderer. Er spricht hier von "übertriebenem Datenschutz".

Kostenpunkt: Zwölf Milliarden Euro im Jahr

Projektionen bis 2050, durchgeführt als Teil einer großen EU-Studie, zeigen, dass selbst im besten Fall die öffentlichen Gesundheitsausgaben (ohne den Pflegebereich, ohne Privatausgaben) um mindestens einen weiteren Prozentpunkt vom Bruttoinlandsprodukt steigen. Schon heute kostet dies den Staat zwölf Milliarden Euro im Jahr (5,3 Prozent vom BIP). Im pessimistischeren Szenario könnten die Gesundheitsausgaben auf 7,6 Prozent vom BIP hinaufschnellen.

Dies allein schockt Felderer aber noch nicht. Aber zusammen mit der Pensionsproblematik und dem "noch weit düsteren"Pflegebereich kämen doch erhebliche Belastungen auf den Staat zu. Deshalb plädiert Felderer auch für eine private Versicherung für Pflegefälle, ob verpflichtend oder freiwillig, dazu hat sich der Ökonom noch kein abschließendes Urteil gebildet. Ein weiteres Ergebnis der Studie, in der Gesundheits- und so genannte Sterbekosten für Österreich berechnet wurden, ist, dass Frauen dem öffentlichen Gesundheitssystem pro Jahr mit 1175 Euro pro Jahr teurer kommen als Männer (1004 Euro), sagt Studienautorin Monika Riedel. Das hänge mit der höheren Lebenserwartung von Frauen zusammen, aber auch mit dem Umstand, dass Frauen häufiger den Arzt aufsuchen und sei es "nur"zur Prävention.

Unter Sterbekosten versteht man Gesundheitsausgaben des Staates für Patienten, die ein oder zwei Jahre vor dem Ableben auftreten. Der größte Geschlechterunterschied tritt bei den 20- bis 30-Jährigen auf, da in diesem Alter deutlich mehr Männer im Straßenverkehr oder durch Selbstmord und damit oft außerhalb des Krankenhauses sterben. (DER STANDARD, Printausgabe, 20./21. 05. 2006)

Von Michael Bachner
  • Der Gesundheitsbereich wird von steigenden Kosten geprägt sein. Besonders die Ausgaben für Pflege werden ansteigen.
    foto: der standard/hendrich

    Der Gesundheitsbereich wird von steigenden Kosten geprägt sein. Besonders die Ausgaben für Pflege werden ansteigen.

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