Mit Karl Moor ins Kebabland

19. Mai 2006, 19:15
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Der junge deutschtürkische Regisseur Nuran David Calis inszeniert Schillers "Die Räuber" am Volkstheater - Porträt eines poesiesüchtigen Grenzgängers

Calis tritt rückhaltlos für die Botschaft der Stürmer und Dränger ein. Am Sonntag (21.5.) ist Premiere.


Wien - Friedrich Schillers Flucht als "Regimentsmedikus" aus Stuttgart nach Mannheim ist einer der Gründungsakte eines Freiheitswillens, der ohne Umschweif auf die Theaterbühne drängt. Die Uraufführung der Räuber am Mannheimer Nationaltheater 1782 artikuliert machtvoll eine Empörung - gegen den sterilen Vatergeist der Frühaufklärung. Es ist ein bis zur Raserei wilder Ausbruch gegen ein "tintenklecksendes Säkulum", das seine vitalen Kinder in die Fürstenfron zwingt, ihnen die Gewissenskultur der protestantischen Pfarrhöfe aufnötigt und ihnen alle Lust und Herrlichkeit schnöde vorenthält.

Der Weg des türkischstämmigen Theater- und Filmregisseurs Nuran David Calis (30) steht Schillers Pathos der Emanzipation in nichts nach. Calis stammt aus Bielefeld, genauer gesagt: aus dem trostlosen Vorort Baumheide. Während Karl Moor aber das väterliche Anwesen flieht, um in den "böhmischen Wäldern" unterzuschlüpfen, sich und seine Räuber auf nichts als auf eine tragische Bindungsunwilligkeit verpflichtend, geht Calis den diametral entgegensetzten Weg: Er stürmt Stadttheater - wie jetzt das Wiener Volkstheater, wo er Die Räuber inszeniert (Premiere morgen, Sonntag, 19.30 Uhr).

Aber er würde kein einziges Theater schleifen wollen, oder es für seine vermeintliche Rückständigkeit verlachen - im Gegenteil. Calis erzählt, von den drängenden Problemen am Wiener Volkstheater gehört zu haben: "Ich habe Michael Schottenberg gesagt: Was heißt das, es sei zu wenig Geld vorhanden? Ich war es in Bielefeld-Baumheide, wo mein Vater arbeitslos war, gewöhnt, kein Geld zu haben. Habe ich zu Schottenberg gesagt: Rücken wir eben noch enger zusammen!"

Seinem Lebenslauf hat Calis vier Blätter angeheftet, die jedes Brachialklischee vom abgeschottet aufwachsenden Immigrantenkind im Nu entzaubern helfen.

Calis, der die von ihm inszenierten Bühnenklassiker mit HipHop zu unterlegen pflegt, erzählt darin, wie er, das türkischstämmige Arbeiterkind, an der Hand seiner Jugendliebe in Schillers Kabale und Liebe gesessen sei: "Denn da passierte es." Calis gehört zu einer Generation kultureller Zwischenträger, die einen Sturm-und-Drang-Schiller nicht deshalb inszenieren, um ihn vom Staub zu befreien.

Klassikerpflegefälle

Calis würde vermutlich jedes einzelne Staubkorn sorgsam auflesen und es als Kostbarkeit in Verwahrung nehmen. Er sagt: "Mich begann Schiller bereits in jungen Jahren zu interessieren. In Berührung kam ich mit ihm im Teenageralter. In der Beschäftigung mit ihm merkte ich sehr rasch - diese Texte machen etwas mit mir! Sie lösen irgendetwas in mir aus, sie gehen mir unter die Haut."

Er beschreibt einen solchen "Clash der Kulturen" als "chemische Reaktion. "Schillers Texte werden ein Teil von mir, ich ein Teil von ihnen. Ich durchlebe mit ihnen Liebe, Wut, Hass, Ärger. Dinge, die ich projizieren kann, auf die Dinge, die in meinem Leben nicht funktionieren." Calis geht einen Schritt weiter: "Schiller ist ein Erleuchter auf dunklen Wegen! Wenn ich Situationen in meinem Leben vorfinde, wo ich nicht weiter weiß, in der Welt, in der Gesellschaft" - greife er auf den Klassiker zurück.

Ähnliches weiß Calis über Büchner zu sagen. Er schmökerte in längst vergangenen Jugendtagen tagsüber dessen Briefe - abends arbeitete er als Türsteher. "In meinem Kopf, in den nächtlichen Sitzungen an der Tür im Club, zwischen Schlägereien, Betrunkenen, Drogenabhängigen, Machos, tiefer gelegten Golf GTI und 1000 WATT BLACK BEATS trafen sich die ,alten Meister' mit meinen von heute."

Calis sagt: "Wir waren zwar arm. Aber es hieß immer: Steh auf und kämpf um deine Sachen!" Aus Schillers Räubern habe er sehr anschaulich gelernt, dass man bei aller Unbedingtheit des Freiheitswillens die Achtung vor dem "Anderen" niemals aus den Augen verlieren dürfe. Solche Einsichten haben ihn auch HipHop-Altmeister wie Chuck D gelehrt. Der proklamierte bekanntlich, dass HipHop "CNN für die Schwarzen" sei. Es ist also der Karlsschüler Schiller gewesen, der brüllte: "Stand up and fight for your rights!"

Ob die US-amerikanische Rap-Kultur mit ihrem offensiv zur Schau gestellten Sexismus nicht an Relevanz verloren habe? Calis lacht. Er versteht die Neureichen-Attitüde vieler ehemals Marginalisierter als bitter selbstironischen Kommentar. "Es ist halt so: Dreh' ich 50 Cent auf, geht mir einfach das Herz auf! Ich kann nichts dafür, dass mir Placebo nichts sagen." Zurzeit arbeitet Nuran David Calis an einem Film. Danach geht es in die Dramatikerwerkstatt. Man muss sich eben manchmal zurückziehen, um das Aufbegehren der Alten zu konservieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.5.2006)

Von Ronald Pohl
  • Nuran David Calis erstürmt die Bastionen der überkommenen deutschsprachigen Theaterkultur - und unterlegt die Texte der Klassiker mit schwarzen Beats.
    foto: standard/regine hendrich

    Nuran David Calis erstürmt die Bastionen der überkommenen deutschsprachigen Theaterkultur - und unterlegt die Texte der Klassiker mit schwarzen Beats.

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