Jara abgelöst - Trapattoni/Matthäus übernehmen

22. Juni 2006, 10:31
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Mateschitz ordnet die sportliche Führung neu - Grund für Abberufung des Trainers: Ungereimtheiten bei Spielertransfers

Wien/Salzburg - In der sportlichen Führung von Red Bull Salzburg bleibt kein Stein auf dem anderen. Trainer Kurt Jara wurde am Freitagabend zwei Jahre vor Ende seines Dreijahres-Vertrages abgelöst, der 67-jährige Routinier Giovanni Trapattoni (--> Trap im Interview auf faz.net: "Ich bin nicht Gott") als Teamchef und Lothar Matthäus (45) als Trainer übernehmen beim Vize-Meister der T-Mobile-Bundesliga. Laut dem Fernsehsender DSF hat Franz Beckenbauer, der als Berater von Dietrich Mateschitz agiert, bei den Verpflichtungen von Trapattoni und Matthäus maßgeblich mitgewirkt.

Jara war vor einem Jahr nach der Übernahme von Austria Salzburg durch Red Bull engagiert worden, stellte eine völlig neue Mannschaft aus einigen arrivierten Spielern zusammen und spielte mit dieser Truppe lange um den Meistertitel. Dem Tiroler wurden die Spekulationen zum Verhängnis, er hätte sich bei Neuverpflichtungen möglicherweise persönlich bereichert.

"Das macht man nicht mit uns"

"Es gab Ungereimtheiten bei Spielertransfers, die Vermutungen hatten sich bestätigt. So etwas können wir nicht akzeptieren, das macht man nicht mit uns", präzisierte Red-Bull-Boss Mateschitz in einem Interview mit den "Salzburger Nachrichten" (SN) die Entlassungsgründe. Bereits nach Bekanntwerden der Vorwürfe Anfang Mai war Jara als Hauptverantwortlicher für Transferverhandlungen abgezogen worden, seine Agenden übernahm Geschäftsführer Kurt Wiebach. Und Mateschitz weiter in den "SN": "Sportlich gesehen war der zweite Platz durchaus in Ordnung, obwohl in Frage gestellt werden kann, wie dieser zu Stande kam." Mit Jara sei "ein Konsens erzielt worden. Das ist fair und sauber abgewickelt worden", so Mateschitz. Der Tiroler war zunächst für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Die neuen Verantwortlichen für den sportlichen Bereich zählen zu den Großen des Weltfußballs: Trapattoni ist mit 19 in Italien, Deutschland und Portugal gewonnenen Titeln vor Ernst Happel (18) der erfolgreichste Trainer der Welt und war als Spieler 17-mal für sein Nationalteam im Einsatz. Matthäus spielte 150 Mal - so oft wie kein anderer - für Deutschland, ist mit 25 WM-Partien Weltrekordhalter und führte die DFB-Elf als Kapitän zum WM-Sieg 1990.

Huldigungen der Neuen

Trapattoni ist für Mateschitz (wird am Samstag 62) "ein Grand Seigneur des Weltfußballs, der in seiner Karriere alles erreicht hat und der beim Thema Fußball trotzdem mit der Begeisterung und Leidenschaft eines 14-Jährigen dabei ist." Matthäus bezeichnete der Red-Bull-Boss als "einen der besten Fußballer aller Zeiten, der über Fußball alles weiß, was es zu wissen gibt, dessen Name für modernen Fußball steht." Und weiter: "Ich bin fest davon überzeugt, wenn man ihr Wissen und ihre Persönlichkeit zusammenführt, dass mit dieser einzigartigen Kombination etwas wirklich Großes entstehen kann."

Ähnlich äußerte sich Trapattoni bei der Vertragsunterzeichnung. Und Matthäus freut sich auf die Zusammenarbeit mit dem Italiener. "Er war einer der besten Trainer, die ich als Spieler jemals hatte. Ich bin sehr geehrt, dass mich Dietrich Mateschitz und Franz Beckenbauer eingeladen haben, dieses großartige Projekt mitzugestalten."

"Ach der Lothar!"

Bereits als Spieler hatte Matthäus mit Trapattoni zusammengearbeitet. Unter Traps Führung gewann er mit Inter Mailand 1989 die italienische Meisterschaft und 1991 den UEFA-Cup. Später bei den Bayern holte das Duo 1997 die Meisterschaft und 1998 den Cup. Zuletzt war Trapattoni beim VfB Stuttgart engagiert, beendete dort aber schon nach einem halben Jahr seine Tätigkeit. Er hatte keinen Draht zur Mannschaft gefunden.

Vielleicht gibt es in Salzburg nun ja auch die Gelegenheit, etwaige noch bestehende Unstimmigkeiten auszuräumen. Hatte doch Matthäus im Vorjahr die Verpflichtung von Jon Dahl Tomasson durch Stuttgart-Coach Trapattoni kritisiert. Der reagierte cool: "Ach, der Lothar! Es ist immer dasselbe: viele Worte, wenig Erfolg. Wenn er als Trainer mal einen richtigen Titel gewonnen hat, darf er zu mir kommen und etwas sagen."

Matthäus hatte seine Trainerkarriere im September 2001 als Teamchef bei Rapid begonnen. Im Mai des darauf folgenden Jahres standen die Hütteldorfer nach der letzten Runde auf Platz acht, der schlechtesten Platzierung in der Vereinsgeschichte. Matthäus musste gehen.

Besser lief es für den Weltfußballer 1990 und 1991 bei seiner nächsten Tätigkeit. Partizan Belgrad führte er 2003 zum Meistertitel und danach sogar in die Champions League, ehe er im Dezember das Handtuch warf und im Jänner 2004 als ungarischer Teamchef anheuerte. Mit den Magyaren verpasste er klar die WM-Qualifikation, es folgte zuletzt ein kurioses Gastspiel beim brasilianischen Klub Atletico Paranaense, das im März dieses Jahres nach nicht einmal zwei Monaten wieder zu Ende war. Matthäus hatte nach eigenen Angaben die Trennung von seiner Familie nicht verkraftet. (red/APA)


Die Steckbriefe der neuen Salzburg-Größen:

Giovanni Trapattoni

geboren: 17. März 1939 in Cusano Milano/Italien
Spitzname: "Il Tedesco" (Der Deutsche)

 

  • Erfolge als Spieler:

 

Nationalteam (17 Länderspiele): WM-Teilnahme 1962 367 Spiele für den AC Milan (1959 bis 1971) und FC Varese (1970 bis 1971

Italienischer Meister mit Milan 1962 und 1968, Pokalsieger 1967 Europacupsieger im Meistercup-Bewerb mit Milan 1963 und 1969, im Pokalsieger-Bewerb 1968

 

  • Erfolge als Trainer:

 

Meistertitel mit Juventus Turin 1977, 1978, 1981, 1982, 1984, 1986
Meistertitel mit Inter Mailand 1989
Meistertitel mit Bayern München 1997
Meistertitel mit Benfica Lissabon 2005

Italienischer Cupsieg mit Juventus 1979, 1983
Deutscher Cupsieg mit Bayern München 1998

Europacup-Sieger im UEFA-Cup mit Juventus 1977 und 1993, mit Inter 1991
Europacup-Sieger im Cup-Bewerb mit Juventus 1984
Europacup-Sieger im Meistercup mit Juventus 1985

Weltpokal-Sieger und EC-Supercup mit Juventus 1985

Lothar Matthäus

Geboren am 21. März 1961 in Erlangen Familienstand: In dritter Ehe mit Marianna Kostic verheiratet, zwei Töchter und ein Sohn aus früheren Beziehungen

Vereine als Spieler:
FC Herzogenaurach (1970-1979), Borussia Mönchengladbach (1979-1984), Bayern München (1984-1988), Inter Mailand (1988-1992), Bayern München (1992-2000), New York MetroStars (2000)

 

  • Erfolge als Spieler:

 

6 x Deutscher Meister mit Bayern München (1985, 86, 87, 94, 97, 99)
2 x Deutscher Cupsieger mit Bayern München (1986 und 1998)
1 x Italienischer Meister mit Inter Mailand (1989)
1 x UEFA-Cup-Sieger mit Inter Mailand (1991)
1 x UEFA-Cup-Sieger mit Bayern München (1996)

150 Länderspiele (das letzte bei der EM 2000 beim 0:3 gegen Portugal)

Europameister 1980
Weltmeister 1990
Mit fünf WM-Teilnahmen (1982, 86, 90, 94, 98) und 25 WM-Spielen Weltrekord-Halter

Europas Fußballer des Jahres 1990
Weltfußballer des Jahres 1990 und 1991
Weltsportler des Jahres 1990
Deutschlands Fußballer des Jahres 1990 und 1999

 

  • Erfolge als Trainer

 

2003 serbischer Meister mit Partizan Belgrad

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Stuttgart, 15. September 2005: Trapattoni erklärt den Schwaben Fußball - der Erfolg blieb aus.

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