Österreich-türkische Prozente

31. Mai 2006, 15:56
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Akagündüz sagt: "Bin zu 50 Prozent Türke, zu 50 Prozent Österreicher - und zu 100 Prozent Muslim. Das muss kein Widerspruch sein."

Der Stöberpark ist ein kleiner, quadratischer Park im äußeren Ottakring in Wien, dort, wo der Zug der Vorortelinie eine letzte Grenze durch die Vorstadt zieht und die billigen Zinshäuser langsam in Weinberge übergehen. Hier in Ottakring liegt der Ausländeranteil bei über 20 Prozent, hier wachsen jene auf, über die dieser Tage so intensiv diskutiert wird: die Muslime zweiter Generation. Mitten im Park steht ein Käfig. So heißen in der Großstadt die Plätze, auf denen Ballspielen noch erlaubt ist: meterhohe Drahtverschläge mit festmontierten Toren aus Metall, in denen auf Asphalt gebolzt wird. Sechs Burschen spielen heute, keiner über 13, einer kann minutenlang gaberln. Vier sind aus türkischen Familien, zwei aus exjugoslawischen, eine recht typische Zusammenstellung hier, denn in Ottakring leben viele Migranten. Alle haben denselben Berufswunsch - natürlich Fußballer - und dasselbe große Vorbild: Muhammet Akagündüz. "Der hat auch hier angefangen. Er ist einer von uns, der es geschafft hat", sagt Mehmet und pfeffert den Ball ins leere Tor.

Muhammet Akagündüz ist heute 28, und er hat es wirklich geschafft: vom Ballkäfig im Stöberpark zum Teamspieler bei Rapid und in die österreichische Nationalmannschaft. Sein Transferwert wird auf 1,5 Millionen Euro geschätzt. Die Zeitschrift der zweiten Generation, Echo, hievte ihn mehr als ein Mal aufs Titelblatt. "Auch Migrantenkinder können es schaffen", lautet der Titel einer der vielen Geschichten über den Vorzeige-Eingebürgerten.

Akagündüz kam mit neun Jahren aus der Türkei nach Österreich, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, sein Vater arbeitete als Fenstermonteur. Nach zwei Jahren Hauptschule wechselte er ins Gymnasium und begann danach ein Medizinstudium, bevor er sich für den Profi-Fußball entschied. Heute studiert er nebenbei Mathematik - um auch das Hirn zu trainieren, wie er sagt. Auch heute wohnt er noch im Ottakring, er hat den 16. Bezirk trotz des Erfolges nie verlassen. Als Treffpunkt schlägt er das Kent vor, das türkische Paradelokal Wiens. Er bestellt Tee und Frühstück - auf Türkisch. "Schon wieder das leidige Thema", sagt er dann in perfektem Deutsch mit leichtem Wiener Einschlag, seufzt. Akagündüz wird oft nach seiner Meinung gefragt, wenn es um Integration geht. Denn er ist nicht nur eingebürgerter Türke, sondern auch Muslim - einer, der am Spielfeld betet, wenn es sein muss, und im Ramadan fastet, auch wenn ein Meisterschaftsspiel ansteht - und trotzdem akzeptiert wird.

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DER STANDARD: Herr Akagündüz, Sie sind Türke aus einer halb kurdischen Familie und österreichischer Staatsbürger. Was ist Ihre Identität?
Muhammet Akagündüz: Ich bin zuerst Türke, das darf man mir nicht übel nehmen. Ich bin in der Türkei aufgewachsen, und meine Muttersprache ist Türkisch. Dann fühle ich mich natürlich als Österreicher, sonst würde ich nicht in der Nationalmannschaft spielen. Aber vor allem bin ich Muslim.

DER STANDARD: Sie sind mit neun Jahren eingewandert. Wie verlief Ihre Integration in Wien?
Akagündüz: Am Anfang war es sehr schwer, ich hatte gar keine Freunde. Dann habe ich vor allem Türken kennen gelernt, das ist ganz nahe liegend, schon wegen der Sprache. Wir haben im 16. Bezirk gewohnt, hier ist es leicht, mit türkischen Mitmenschen Kontakte zu knüpfen. Damals hatten viele Migranten den Plan zurückzukehren und haben ihr Geld und ihre Gedanken vor allem im Heimatland investiert. Heute ist das anders geworden. Die meisten wissen nun, dass sie hier bleiben werden, und widmen sich dem Leben hier, nicht dort.

DER STANDARD: Ihre Fußballkarriere begann nicht bei einem typischen Migrantenverein, sondern beim "Breitensee WAT16". Was halten Sie von eigenen Fußballvereinen für Migranten?
Akagündüz: Innenministerin Prokop hat diese Vereine in einer Podiumsdiskussion als Vorstufe zur Getto-Bildung bezeichnet. Das halte ich für falsch. Ich habe bei einem österreichischen Verein angefangen, es waren trotzdem 90 Prozent der Spieler Migranten. Es ist egal, ob ein Verein "Ottakring" oder "Galatasaray Wien" heißt, die Zusammensetzung ist ähnlich. Es spielen mehr Ausländerkinder Fußball. Wahrscheinlich weil der Fußball in der Türkei einen höheren Stellenwert hat als hier.

DER STANDARD: Trotzdem sind Migranten in den österreichischen Vereinen unterrepräsentiert. Warum?
Akagündüz: Die meisten glauben nicht daran, dass sie es schaffen können. Ähnlich wie auf dem Arbeitsmarkt. Für mich war Fußball nie ein Berufswunsch, ich war ein guter Schüler, habe dann Medizin studiert. Ich konnte locker an die Sache herangehen. Ich bin aber nicht der Einzige, der es geschafft hat. Das ist wichtig für alle anderen. So sehen sie, dass es geht.

DER STANDARD: Haben Sie eine Vorbildfunktion für die zweite Generation in Wien?
Akagündüz: Ja, ich denke schon. Die sind schon alle sehr stolz auf mich.

DER STANDARD: Sie haben es auch aus der Hauptschule ins Gymnasium geschafft, was nur wenigen eingewanderten Kindern gelingt.
Akagündüz: Als ich im Gymnasium war, waren wir nur zwei Ausländerkinder: eine Perserin und ich. Die Hauptschule war dafür überwiegend ausländisch. Aber auch das ändert sich: Gestern hatte ich eine Autogrammstunde in einem Wiener Gymnasium, und der Anteil von Kindern aus Migrantenfamilien war erstaunlich hoch. Ich denke, es liegt daran, dass den Eltern klar geworden ist, dass sie bleiben werden. Deshalb achten sie auch stärker darauf, dass ihre Kinder eine Zukunft in dieser Gesellschaft haben.

DER STANDARD: Der Stand der Diskussion ist ein anderer: 45 Prozent der muslimischen Einwanderer wollen sich nicht integrieren, behauptete Innenministerin Liese Prokop. Können Sie das nachvollziehen?
Akagündüz: Wenn ich so etwas höre, werde ich unglaublich ärgerlich. Die Aussage ist falsch: Die allermeisten wollen natürlich Teil dieser Gesellschaft sein und ihren Teil dazu beitragen. Was soll das überhaupt heißen: integrationsunwillig? Die Aussage erinnert mich an die oft gehörten, billigen Sprüche "Wenn's ihnen nicht passt, sollen s' halt heimgehen". Und: "Die sollen sich anpassen". Das ist wohl gemeint. Aber das ist Assimilation - Integration ist etwas anderes.

DER STANDARD: Was heißt für Sie Integration?
Akagündüz: Integration heißt, hier zu leben, zu arbeiten, die Sprache zu sprechen, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Ich kann von mir sagen, dass ich die deutsche Sprache gut beherrsche und dass ich meinen Teil zur Kultur und Wirtschaft des Landes beitrage. Nur eine kleine Minderheit sieht sich als vorübergehenden Gast, die meisten Migranten tragen viel Gutes zu dieser Gesellschaft bei. Den Integrationswillen sieht man auch an den Einbürgerungen: Früher war das kein vorrangiges Ziel, weil die Menschen als "Gastarbeiter" hier waren und wieder zurückwollten. Heute wollen sie Teil der Gesellschaft sein. Das ist Integration.

DER STANDARD: Haben Muslime mehr Schwierigkeiten, sich zu integrieren?
Akagündüz: Nein, natürlich nicht. Aber es gibt ganz klare Grenzen der Anpassung, und das sind zum Beispiel religiöse Vorschriften. Ich höre etwa oft: Jetzt sind sie in Österreich, da können sie das Kopftuch ja ablegen. An solchen Forderungen merkt man, wie wenig die Menschen über den Islam wissen. Das Kopftuch ist keine Frage von Nationalität, Kultur oder Sprache, sondern eine religiöse Vorschrift. Es ist zwar kein vergleichbares Beispiel, aber stellen Sie sich umgekehrt vor, jemand würde von einem Österreicher verlangen, für immer auf sein Schnitzel zu verzichten - der wäre auch empört. Aber es gibt ja auch immer mehr österreichische Muslime, die sich genauso an die religiösen Vorschriften halten wie die Zugewanderten.

DER STANDARD: Sie sind sehr religiös und halten alle Regeln des Islam ein. Hat Ihnen das schon Schwierigkeiten gebracht?
Akagündüz: Nein, noch nie. Ich halte etwa auch den Ramadan ein, und viele fragen mich dann: Wie kannst du Fußball spielen, wenn du den ganzen Tag nichts trinkst und isst? Aber das ist nur eine Frage der Disziplin. Man muss das ausprobieren, es ist nicht so schwer, und man fühlt sich danach sogar besser. Ich lebe auch, um mich auf ein besseres Leben im Jenseits vorzubereiten, und für uns gehören diese Regeln dazu. Ich bin aus einer konservativen Familie und sehr religiös erzogen, und dafür bin ich dankbar. Sonst wäre ich nicht, wo ich heute bin.

DER STANDARD: Ihre Freundin ist Österreicherin - trägt sie ein Kopftuch?
Akagündüz: Nein, natürlich nicht. Warum sollte sie? Sie ist ja keine Muslima! Man unterstellt uns Intoleranz gegenüber anderen Religionen. Das stimmt nicht - wir wollen nur unsere Religion leben, und das tue ich. Ohne jemandem anderen etwas vorzuschreiben.

DER STANDARD: Woher kommt die Angst vor Muslimen? Ist es tatsächlich ein Kampf der Kulturen?
Akagündüz: Nein, das glaube ich nicht. Ich habe einen Teamkollegen, der in ein katholisches Internat gegangen ist. Nach einiger Zeit hat er mir gesagt: Der Islam und das Christentum sind ja sehr ähnlich! Und das stimmt, wir haben dieselben Wurzeln. Es sind eher die wenig oder nicht religiösen Menschen, die sich vor solchen fürchten, die eine starke Verankerung in einer Religion haben.

DER STANDARD: Der Streit um die Mohammed-Karikaturen hat diese Gräben aufbrechen lassen. Was haben Sie angesichts der Karikaturen des Propheten empfunden?
Akagündüz: Ich habe mich sehr geärgert. Der Prophet kommt bei uns gleich nach Gott, und es gibt das Verbot, ihn darzustellen. Wenn er dann auch noch lächerlich gemacht wird, ist das besonders verletzend. Ich bin absolut für Pressefreiheit, aber sie hat Grenzen. Wer in Medien arbeitet, sollte sich über solche Dinge informieren. Aber auch Christen haben sich geärgert - ich ärgere mich auch über Jesus-Karikaturen.

DER STANDARD: Die heftigen Proteste gegen die Karikaturen waren eine auch weltweite Machtdemonstration.
Akagündüz: Ich denke, auch die christlichen Kirchen würden gerne so viele Menschen mobilisieren. Es ist wichtig, friedlich für seine Religions- und Glaubensfreiheit einzutreten.

DER STANDARD: Auch in Europa waren die Demonstrationen zahlreich und groß. Ist der Islam für Eingewanderte, die zwischen zwei Kulturen stehen, besonders wichtig?
Akagündüz: Es ist sicher ein sehr wichtiges Element der eigenen Identität. Ich bin zu 50 Prozent Türke und zu 50 Prozent Österreicher. Aber ich bin zu 100 Prozent Muslim. Das muss kein Widerspruch sein.

DER STANDARD: Muslime werden seit 2001 besonders misstrauisch gesehen und mit Terror in Verbindung gebracht. Sehen Sie eine Berechtigung dafür?
Akagündüz: Es ist furchtbar mühsam, sich dauernd rechtfertigen zu müssen. Der allergrößte Teil ist ja nicht verantwortlich für die Terroranschläge. Aber sobald irgendwo eine Bombe hochgeht, heißt es: Was habt ihr da wieder angestellt. Dieses "ihr" ist ermüdend. Man muss sich dauernd für Dinge rechtfertigen, mit denen man nichts zu tun hat.

DER STANDARD: Was sind die Folgen solcher Schuldzuweisungen?
Akagündüz: Sie sind gefährlich. Was tut man, wenn man angegriffen wird? Man kapselt sich ab, oder man startet einen Gegenangriff. Die zunehmende Abkapselung muslimischer Gemeinschaften können wir ständig beobachten, sie ist eine logische Reaktion. Und es gibt auch solche, die in Abwehrhaltung gehen. Solche Aussagen sind ein Schuss nach hinten.

DER STANDARD: Haben Sie Sehnsucht danach, in einem islamischen Land zu leben?
Akagündüz: Nein, ich lebe gerne hier. Muslime werden in Europa respektiert und können ihren Glauben leben. Vor Kurzem hat mein Bruder in Jus promoviert, und meine Mutter konnte selbstverständlich mit ihrem Kopftuch an der Feier in der Universität teilnehmen. In der Türkei wäre das nicht möglich gewesen: Dort gibt es ein striktes Verbot, mit einem Kopftuch ein öffentliches Gebäude zu betreten. Wir leben in Europa in einer kulturell vielfältigen Gesellschaft, und da sind Akzeptanz und mehr Respekt füreinander gefragt. Wenn wir das schaffen, ist auch ein besseres Zusammenleben miteinander möglich. (DER STANDARD PRINTAUSGABE 20.5. 2006)

Von Corinna Milborn

Corinna Milborn ist Chefredakteurin der Menschenrechts­zeitschrift "liga" und beschäftigt sich seit Jahren mit den Themen Migration und Integration. Vor Kurzem ist von ihr das Schwarzbuch "Gestürmte Festung Europa. Einwanderung zwischen Stacheldraht und Ghetto" erschienen (Styria).

  • Nationalspieler Akagündüz: "Stellen Sie sich umgekehrt vor, jemand würde von einem Österreicher verlangen, für immer auf sein Schnitzel zu verzichten - der wäre auch empört."
    foto: standard/urban

    Nationalspieler Akagündüz: "Stellen Sie sich umgekehrt vor, jemand würde von einem Österreicher verlangen, für immer auf sein Schnitzel zu verzichten - der wäre auch empört."

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