"Zocken" als gesellschaftliches Prinzip

27. Juli 2006, 13:09
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Für die Philosophin Isolde Charim hat das Glücksspiel die Kasino-Grenzen gesprengt

Einen makellos guten Ruf bei einer Mehrheit der Bevölkerung kann das Glücksspiel wohl nicht für sich reklamieren - vor allem dort, wo es mit "Einarmigen Banditen" in Automatensalons betrieben wird. Als Methode des Gewinnmachens jedoch sei das "Zocken", das "Hasardieren" ins Zentrum der Gesellschaft gerückt, sagt die Wiener Philosophin und STANDARD-Autorin Isolde Charim.

"Grundlage für diese Entwicklung ist die vollzogene Entkoppelung von Geld und Arbeit, von Leistung und Lohn", erläutert Charim. Nicht mehr die Erwartung, für konkrete Tätigkeiten ein gerechtes Entgelt zu bekommen, treibe das wirtschaftliche Streben der modernen Menschen an. Sondern die "Hoffnung auf Gewinn": Ganz so, wie es - im Großen - "der Finanzkapitalismus uns allen vormacht".

Keine Frage der Ethik

Als ein Sinnbild für diese relativ neuen gesellschaftlichen Umstände nimmt die Publizistin die ORF-Sendung "Money Maker" her. Dort werden Kandidaten in Plastikanzügen einem Banknotenregen ausgesetzt: "Menschen versuchen, so viel Geld wie möglich an sich zu raffen - andere schauen ihnen dabei zu."

Verhaltensweisen, die unter solchen Umständen zu hohen Gewinnen führten - geschickt sein, geschwind sein, wendig sein - würden heute als erstrebenswert gelten, meint Charim. Die Frage der Ethik des Handelns stelle sich hier nicht - es sei denn als "Marktargument, das jedoch durchaus auch positive Folgen haben kann". Damit meint Charim etwa Selbstverpflichtungen von Unternehmen, nur Produkte zu verkaufen, die unter sozial und ökologisch akzeptablen Bedingungen entstanden sind.

Outgesourcte Ethik

Alles in allem jedoch leide die "Glücksspiel-Gesellschaft" an einer allgemeinen Korruption - und zwar über die Wirtschaft hinaus, etwa auch in der Politik. Hier macht die Philosophin Tendenzen fest, ethisch-moralische Positionen als Monopol Einzelnen zu überlassen. Sie "sozusagen outzusourcen: In Österreich nimmt, so scheint es mir, Bundespräsident Heinz Fischer eine solche Rolle ein." (Irene Brickner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21.5.2006)

  • Das "Prinzip Glücksspiel" habe sich auf viele gesellschaftliche Bereiche ausgeweitet, meint die Wiener Philosophin Isolde Charim - etwa auch auf die Politik.
    foto: standard/christian fischer

    Das "Prinzip Glücksspiel" habe sich auf viele gesellschaftliche Bereiche ausgeweitet, meint die Wiener Philosophin Isolde Charim - etwa auch auf die Politik.

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