Leseunwillige Prokop

4. Oktober 2006, 15:35
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Der Integrationsflop der Innenministerin und die nötigen Lehren daraus - Von Chefredakteur Gerfried Sperl

Für die Behauptung der Innenministerin Liese Prokop, vierzig Prozent der in Österreich lebenden Muslime seien "integrationsunwillig", gibt es nur zwei Interpretationen. Entweder ist die Ministerin "leseunwillig" oder sie hat den Ausdruck nur verwendet, um damit bei der gegenüber Muslimen kritischen Bevölkerung zu punkten. Faktum ist, dass dieses Doppelwort nirgends vorkommt. Noch mehr: Die Inhalte der Studie widersprechen dem Befund Prokops.

Nur (oder immerhin) zwanzig Prozent werden als "religiös-konservativ" eingestuft, was sich auch in den "äußeren Zeichen" wie Kleidung und Ritualgebet ausdrückt. Immerhin (oder nur) 25 Prozent sind so weit säkularisiert, dass sie auch auf die religiöse Zeichensetzung verzichten. 30 Prozent sind gläubig, aber kritisch gegen streng Gläubige. Und 25 Prozent sind Muslime mit konservativer Grundhaltung.

Umgekehrt ist unter den Österreichern trotz der internationalen Terrorattacken die Haltung zu Muslimen überraschend positiv. 23 Prozent sind positiv eingestellt, 37 Prozent sind neutral, 24 Prozent haben Bedenken, nur 16 Prozent äußern eine betont negative Haltung. 90 Prozent der am Telefon befragten tausend Österreicher sagen, sie würden zwischen dem Islam als Ganzes und seinem Missbrauch durch Extremisten unterscheiden.

Da die Studie in ihrer Conclusio "gute Voraussetzungen für gelingende Integration" auf beiden Seiten ortet, haben die Behauptungen der Ministerin in der Tiroler Tageszeitung schweren Schaden angerichtet. Bei den Muslimen, weil sie so "unwillig" nicht sind. Bei den von Vorurteilen gesteuerten Österreichern, die sich bestätigt fühlen. Die von Prokop darüber hinaus in den rechten Wind geblasene Angstparole von einer "drohenden Fundamentalisierung Österreichs" ist nichts als vorgezogener Wahlkampf.

Ähnlich dem Schüssel-Vergleich vom Jahrhundert- Hochwasser, das der Bawag "bis zum Hals" steht. Die Taktik ist, eine Ungeheuerlichkeit in den medialen Raum zu stellen, sie bei scharfem Gegenwind zwar zu korrigieren, aber politisch von der Demagogie weiterzuleben. Denn so wie offenbar Prokop selbst liest auch eine Mehrheit der Österreicher die kleinformatigen Überschriften in der U-Bahn oder im Pendlerzug. Das kleiner Gedruckte wird aus Zeitmangel oder Desinteresse nicht mehr konsumiert.

Bis zum Wahltermin werden wir weitere Schlammschlachten dieser und anderer Art erleben. Auch deshalb, weil sich die Schüssel-Partie und die Gusenbauer-Crew möglicherweise gegen ein Dreigestirn unterschiedlich radikaler Yuppies wehren wollen: Strache, Westenthaler und Martin. Also schürt man die Vorurteile gleich selbst und früh genug. Wobei man der SPÖ attestieren muss, dass sie sich (selbst in der Frage Eurofighter) momentan zurückhält.

In der Sache selbst ist eine Koalition der Vernünftigen zu wünschen. Die Vertreter der Muslime haben zwar gegen Prokops Aussagen teils heftig protestiert, aber sie haben gleichzeitig zu verstehen gegeben, dass die Beachtung der österreichischen Verfassung und die Kenntnis der Landessprache zu den Voraussetzungen einer erfolgreichen Integration gehören.

Vielleicht sollten die staatlich anerkannten Kirchen in einer gemeinsamen Initiative Politiker und Experten zusammenbringen, die über einige vorrangige integrative Maßnahmen beraten. Eine Möglichkeit. Die andere: Aktionen der Kirchen selbst, bei denen Toleranz und aufeinander Zugehen demonstriert werden.

Dies ist umso wichtiger, wenn man die Warntafeln am Ende der Studie bedenkt: "Das größte Gefahrenpotenzial dürfte dort liegen, wo wirtschaftliche Probleme . . . und intensive Einbindung in eine ethnisch und religiös ausgerichtete Infrastruktur zusammentreffen." Deshalb sollte auch unter den Muslimen selbst solchen Entwicklungen vorgebeugt werden.

Damit es nicht zur Bildung einer "Gegengesellschaft" kommt. (Von Chefredakteur Gerfried Sperl/DER STANDARD, Printausgabe, 20./21. 05. 2006)

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Schwerpunkt Integrationsdebatte in derStandard.at/Politik

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    Die Inhalte der Studie widersprechen dem Befund Prokops.

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