Airbus gerät in Turbulenzen

12. Juni 2006, 14:46
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Der europäische Flug­zeugbauer muss in aller Hast sein Zukunfts­modell A350 überden­ken. Und dazu wohl tief in die Tasche greifen

Noël Forgeard hat ein großes Ego – und Airbus ein zunehmendes Problem damit. Der französische Kopräsident des Airbus-Mutterhauses EADS verärgert die deutschen Partner mit seinem extrovertierten Auftreten immer mehr. Bei der Internationalen Luftfahrtschau (ILA) in Berlin sind die Spannungen diese Woche offen zu Tage getreten. Airbus-Chef Gustav Humbert gab sich "überrascht", in den französischen Zeitungen immer wieder Informationen zu lesen, die an sich "vertraulich" bleiben sollten.

A350 käme mit zwei Jahren Verspätung

Der Urheber dieser Zeitungsmeldungen versteckt sich gar nicht: Noël steckt den französischen Journalisten Informationen, als wäre er weiterhin Airbus-Boss. Auch bei seiner jüngsten Pressekonferenz als EADS-Kopräsident – neben dem Deutschen Thomas Enders – machte er Angaben zu Entscheidungen, die Airbus noch gar nicht gefällt hat. Dabei sind einzelne dieser Entscheide höchst delikat, weil folgenschwer.

Im Kern geht es um die Frage, ob das geplante Airbus-Flugzeug A350 dem Boeing-Rivalen B787 "Dreamliner" gewachsen ist oder völlig erneuert werden muss. Während das amerikanische Jet-Modell schon 350 Aufträge eingefahren hat und 2008 in Dienst gehen soll, kommt der A350 auf zwei Jahre Verspätung und die Hälfte an Bestellungen.

Humbert gibt zu, die Konkurrenz "unterschätzt" zu haben. Er bezieht sich in die Kritik ein, da er bei dem A350-Entscheid auch schon im Airbus-Management gewesen sei. Verantwortlich war aber damals der Chef des europäischen Flugzeugherstellers – Forgeard.

Doppelte Kosten

Auf jeden Fall muss Airbus nun über die Bücher – und zwar rasch: Die Europäer sollten vor der Flugmesse Farnbourough (England) entscheiden, ob sie den A350 stark revidieren, wie das zum Beispiel der wichtige Kunde Singapore Airlines wünscht – oder ob sie ihn gar von Grund auf neu planen. Dies würde die Entwicklungskosten auf einen Schlag auf acht Milliarden Euro verdoppeln.

Das Pariser Wirtschaftsblatt "Les Echos" gab diese Woche schon den neuen Namen bekannt: Der A350 solle künftig A370 heißen. Auf der ILA deutete Humbert an, dass auch der etwas größere A340 in die Neukonzeption des A350 einbezogen werde. Damit zeigt sich, wie umfangreich die ganze Neuplanung ausfällt. Die ganze Airbus-Modellpalette der mittleren Kategorie mit einem oder zwei Gängen zwischen den Sitzreihen würde überdacht. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21.5.2006)

  • Wird aus dem A350 (hier auf einer Computergraphik) der Airbus A370?
    foto: airbus

    Wird aus dem A350 (hier auf einer Computergraphik) der Airbus A370?

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