Präsident Vujanovic im STANDARD-Interview: "Äußerst negative Botschaft"

5. Juni 2006, 15:43
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Montenegro stimmt am Sonntag über seine Loslösung von Serbien ab - Präsident Vujanovic im STANDARD-Interview über Ursachen und Folgen

Die Montenegriner stimmen am Sonntag über ihre Loslösung von Serbien ab. Andrej Ivanji sprach mit Präsident Filip Vujanovic über Ursachen und Folgen von Montenegros Unabhängigkeitsdrang.

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STANDARD: Warum sollte Montenegro überhaupt ein unabhängiger Staat werden?

Vujanovic: Die emotionalen Gründe sind in der Geschichte, die pragmatischen in der wirtschaftlichen Entwicklung zu suchen. Die jahrhundertelange faktische Unabhängigkeit Montenegros wurde 1878 auf dem Berliner Kongress bestätigt. Wir waren der 27. Staat auf der Welt, heute gibt es über 200 Staaten. Die Bürger Montenegros haben einen natürlichen Bedarf nach der Erneuerung ihrer Selbstständigkeit. Ökonomisch kann ein souveräner Staat seine Ressourcen effektiver umsetzen.

STANDARD: Warum hat die Staatengemeinschaft mit Serbien nicht funktioniert?

Vujanovic: Laut Verfassungsurkunde hätten Serbien und Montenegro lediglich eine gemeinsame Sicherheits- und Außenpolitik führen sollen. Nicht einmal das hat funktioniert. Das Zusammenleben von zwei so grundverschiedenen Ländern hat sich als vollkommen unmöglich erwiesen.

STANDARD: Reden Sie mit der serbischen Regierung über die eventuelle Unabhängigkeit?

Vujanovic: Nein. Der Premier Serbiens Vojislav Kostunica hat jegliche Gespräche darüber abgelehnt. Wir haben noch vor einem Jahr einen Bund unabhängiger Staaten vorgeschlagen. Belgrad wollte weder darüber noch über die zukünftigen Beziehungen nach dem Referendum reden. Im Gegenteil, Premier Kostunica und serbische Minister seiner Partei nehmen an der Kampagne des montenegrinischen Blocks für den gemeinsamen Staat teil. Sie verkünden, dass im Falle einer Unabhängigkeit die Grenzen zwischen Serbien und Montenegro geschlossen sein werden, sie reden über zukünftige Visapflicht, dass Montenegriner in Serbien Studiengebühren und Krankenversicherung zahlen werden müssten. Es ist eine äußerst negative Botschaft, die aus Belgrad kommt.

STANDARD: Was werden Sie als erstes tun, wenn das Referendum am Sonntag gelingt?

Vujanovic: Wir werden uns an Brüssel und Belgrad wenden. Unsere Infrastruktur ist für die Unabhängigkeit vorbereitet, wir wollen den EU-Integrationsprozess Montenegros sofort fortsetzen und der Partnerschaft für Frieden und Zusammenarbeit beitreten. Die Suspendierung der Verhandlungen über das Assoziierungs- und Stabilisierungsabkommen mit Belgrad wegen der Nichtauslieferung des wegen Kriegsverbrechen gesuchten Generals Ratko Mladic würde uns nicht mehr belasten.

STANDARD: Die Bevölkerung ist in Sezessionisten und Unionisten gespalten. Haben Sie Angst vor Unruhen?

Vujanovic: Nein. Ich glaube, dass sich die Leidenschaften nach dem Referendum legen und beide Seiten das Ergebnis anerkennen werden. (DER STANDARD, Printausgabe, 20./21. 05. 2006)

Zur Person

Filip Vujanovic, geb. 1954 in Belgrad, gehört seit Mitte der Neunzigerjahre zur Führung der regierenden Demokratischen Partei der Sozialisten (DPS). Seit 24. 11. 2005, als der damalige Staatschef Milo Djukanovi´c zurücktrat und den Posten des Regierungschefs erneut übernahm, ist er interimistischer Staatspräsident.

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    Montenegros Präsident Filip Vujanovic über die Staatengemeinschaft mit Serbien: "Das Zusammenleben von zwei so grundverschiedenen Ländern hat sich als vollkommen unmöglich erwiesen."

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