Türkische Fahrschüler, serbische Bausparer

15. November 2006, 16:40
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In Rudolfsheim-Sechshausen wirbt die Wirtschaft in fremden Sprachen um die Kunden

Wien - Von Sali bis Cuma läuft der Abendkurs, verrät die Werbetafel am Rande der Johnstraße im Wiener Gemeindebezirk Rudolfsheim-Fünfhaus. Der Abendkurs in der ¸Soför-Okulu - zu Deutsch Fahrschule - "U3ver". Die türkischsprachige Aufschrift sieht man aber nur, wenn man bergauf unterwegs ist. Denn auf der Rückseite der Tafel prangt die Werbung auf Deutsch - ohne den Hinweis auf die Kurszeiten von Dienstag bis Freitag.

Über ein Drittel, exakt 35,2 Prozent, der fast 65.000 Einwohner des Bezirks sind nicht in Österreich geboren worden, ergab die Volkszählung im Jahr 2001. Auch die Umgangssprache wurde abgefragt: In Rudolfsheim-Fünfhaus sprechen nicht ganz 59 Prozent Deutsch, an zweiter Stelle folgt Serbisch mit 13 Prozent, an dritter Stelle Türkisch, in dem sich 8,7 Prozent der Menschen hier unterhalten.

Theorie-Prüfung auf türkisch

An diese Gruppe richtet sich das Angebot der Fahrschule. "Die Idee kam von einem unserer türkisch sprechenden Fahrlehrer", erklärt eine Angestellte. Schon seit längerem können jetzt Führerscheinaspiranten den Fahrschulunterricht auf türkisch absolvieren, ebenso die theoretische Fahrprüfung am Computer. "Bei der praktischen Prüfung wird dann Deutsch gesprochen", schildert die Mitarbeiterin.

Das wirtschaftliche Potenzial der Migranten erkennen auch andere. Die Belegschaft der nur ein paar Häuser weiter untergebrachten Dependance der Erste Bank beispielsweise. Dort finden sich im Informationsständer auch fremdsprachige Ausdrucke - etwa über Bausparverträge. "Jede Filiale kann selbständig entscheiden, in welchen Sprachen die Informationen angeboten werden", erzählt die junge Mitarbeiterin am Schalter. "Bei uns ist es Deutsch, Englisch, Serbisch und Türkisch." Allerdings: Keiner der Mitarbeiter spricht die beiden letztgenannten Sprachen, beraten wird nur auf Deutsch.

Keine Zeit für Sprachkurs

Mahmut Özdemir von "Özdemirs Früchteparadies" im nahe gelegenen Meiselmarkt hat es da leichter. Er kann seine Ware auf Türkisch ebenso wie auf Deutsch an die Kundschaft bringen. Er weiß, Letzteres ist auch nach 17 Jahren in Österreich nicht perfekt. "Besonders die Artikel sind schwierig - ob es der, die oder das Melone heißt". Natürlich würde ein Sprachkurs helfen - "aber wann soll ich den machen? Ich stehe bis nach sieben Uhr hier." (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe, 19.05.2006)

  • Soför Okulu - "Fahrschule" auf Türkisch:
 Ein Schild in Rudolfsheim-Fünfhausen zeigt den Weg
    foto: standard/newald

    Soför Okulu - "Fahrschule" auf Türkisch: Ein Schild in Rudolfsheim-Fünfhausen zeigt den Weg

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