Pressekonferenz Gewalt gegen Frauen

5. Juni 2000, 11:13

UNICEF-Aktionsplattform tagte in Berlin zum Auftakt der UN-Frauenkonferenz

Das tödliche Schweigen brechen

Ausmaß und Formen der Gewalt gegen Frauen - Zahlen und Fakten

Berlin - In New York beginnt heute die UN-Frauenkonferenz "Peking+5". Vor fünf Jahren hat sich die internationale Gemeinschaft nach intensivem Ringen auf eine gemeinsame Aktionsplattform geeinigt, um weltweit für alle Frauen die gesellschaftliche Gleichstellung mit den Männern durchzusetzen.

Maßnahmen gegen Gewalt

Frauen und Männer gemeinsam verpflichteten sich für ihre Staaten in Peking auch dazu, alles Notwendige zu tun, um die Diskriminierung von Mädchen und Frauen abzuschaffen und entschlossener dagegen vorzugehen, dass Kinder und erwachsene Menschen geschlagen und missbraucht werden, weil sie Mädchen und Frauen sind.

Gerade bei diesen zwei Punkten des Programms von Peking geht es nicht um abstrakte politische Ziele, um die ferne Vision einer gerechteren Welt, sondern - ganz konkret - um die Unversehrtheit und das Überleben von Millionen Mädchen und jungen Frauen.

Traurige Bilanz

Leider fällt die Bilanz von UNICEF fünf Jahre nach Peking düster aus: Noch immer werden Frauen weltweit und jeden Tag in vielen Ländern der Welt nicht nur Opfer von Benachteiligung und Diskriminierung. Sie müssen um ihr Überleben bangen, sie werden geschlagen, vergewaltigt oder sogar ermordet.

"Den irdenen Krug zerbrechen"

In einer bisher einmaligen UNICEF-Studie hat die amerikanische Autorin Ruth Finney Hayward, die wir heute hier in Berlin begrüßen dürfen, das dunkle Panorama der Gewalt gegen Mädchen und Frauen in Südasien neu gezeichnet. Wir freuen uns sehr, "Breaking the Earthenware Jar" heute zum Beginn der UN-Frauenkonferenz in New York der Weltöffentlichkeit vorstellen zu können.

Dokumentation des Frauenengagements in Asien

"Breaking the Earthenware Jar", "Den irdenen Krug zerbrechen", das ist das umfassende Resultat der jahrelangen Arbeit einer engagierten Frau, die, unter anderem als stellvertretende UNICEF-Regionaldirektorin für Südasien, die Wirklichkeit und das Leiden der Frauen in dieser Region miterlebt hat. Es sind aber vor allem - und darauf legt Ruth Finney Hayward selbst am meisten Wert - die Gesichter und Geschichten, es sind der Kampf und das Engagement von Millionen asiatischer Frauen. Nicht nur jener fast 200, die dem Buch mit ihren Aussagen auf über 400 Seiten zu einer enormen Bandbreite und Aussagekraft verholfen haben.

„Breaking the Earthenware Jar“ ist ein konkretes Beispiel dafür, wie das Leben von Mädchen in Südasien wie in keinem anderen Teil der Welt mit Füssen getreten wird - und es ist zugleich ein Symbol für den Aufbruch der Frauen, für Schritte in eine neue Gesellschaft, die die Versprechen von Peking ernst nimmt.

Ökonomisch ungeliebte Mädchen

Der Tonkrug gibt dem Buch den Titel: Es ist nicht unüblich, dass eine alte Frau in Asien beim Anblick einer schwangeren Frau sagt: "Wenn es ein Mädchen ist und es dieses Gefäß (den Bauch der Mutter) überlebt, so wird es den Tonkrug nicht überleben." Und das ist mehr als ein Gleichnis: Aus Entsetzen darüber, dass es kein männlicher Nachkomme ist, wird in Asien manches Mädchen in einen großen Tonkrug gelegt - ganz so, als könne man es einfach zurück in den Leib der Mutter schicken. Dann wird der Tonkrug in der Erde begraben.

Ruth Finney Hayward macht in ihrer Studie mehr als deutlich, dass der Tonkrug bis heute ein Stück südasiatischer Wirklichkeit ist. Mädchen müssen sterben, weil sie Mädchen sind. Mädchen müssen leiden und werden benachteiligt, weil sie keine Jungen sind.

Apartheid der Geschlechter

Nigel Fisher, Regionaldirektor von UNICEF für Südasien, wird gemeinsam mit Ruth darüber berichten und skizzieren, wie UNICEF die Situation der Frauen in der Region sieht und was UNICEF gegen die "Apartheid der Geschlechter" unternimmt: Allein in Südasien sterben jährlich eine Million Kinder, weil sie Mädchen sind und deshalb schlechter ernährt und medizinisch versorgt wurden als Jungen. Weltweit "fehlen" rein statistisch mindestens 60 Millionen Frauen. Diese Mädchen und jungen Frauen sind Vernachlässigung und Gewalt zum Opfer gefallen.

In zahlreichen Ländern lassen Eltern gezielt weibliche Föten abtreiben. Und allein in Indien werden jährlich etwa 10.000 Mädchen in den ersten Lebensjahren ermordet.

Gewalt in der Familie

Das eigene Zuhause ist in Südasien für Millionen Mädchen und Frauen der gefährlichste Ort: Sie werden geschlagen, vergewaltigt oder sogar ermordet. Mit Unterschieden von Land zu Land werden weltweit zwischen 20 und 50 Prozent der Frauen in der häuslichen Umgebung misshandelt. Besonders erschreckend ist die Situation in Südasien: Hier erklären bis zu 60 Prozent der Frauen, zu Hause Schläge erdulden zu müssen.

In Indien werden jährlich über 5000 Frauen ermordet, weil sie oder ihre Familien die Mitgiftforderungen des künftigen Ehemannes nicht erfüllen können.

In Bangladesch und Pakistan werden immer öfter Frauen Opfer von Säureanschlägen, entsetzliche Verletzungen sind die Folge. Allein 1998 übergossen Männer in Bangladesch über 200 Mädchen und Frauen mit Säure aus Autobatterien - zumeist, weil sie abgewiesen wurden.

Mädchenhandel

Das schmutzige Geschäft mit den Körpern der Kinder ist lukrativ: UNICEF schätzt, dass Verbrecherringe mit Kinderhandel und -prostitution sowie mit Kinderpornographie weltweit jedes Jahr rund fünf Milliarden Dollar umsetzen. Die Zahl minderjähriger Prostituierter in Indien wird auf 400.000 bis 500.000 geschätzt. Darunter sollen allein 250.000 Mädchen aus Nepal sein, die aus ihren Dörfern verkauft und verschleppt wurden.

"Breaking the Earthenware Jar": UNICEF ruft im Sinne der Studie von Ruth Finney Hayward dazu auf, den Tonkrug und alles, wofür er steht, zu zerbrechen. Finney Hayward hat in für ihr Buch auch Beispiele für enorme Courage, für den Mut und das mitunter gefährliche Engagement von Frauen und Männern in der Region gesammelt. Denn "Den Tonkrug zerbrechen" heißt vor allem auch: Das tödliche Schweigen über die Gewalt gegen Frauen brechen.

Meine Damen und Herren, die Gewalt gegen Mädchen und Frauen ist eine weltweite Epidemie, die Frauen in aller Welt körperlich und seelisch Tag für Tag bedroht. Wir dürfen diese Apartheid der Geschlechter nicht dulden! Helfen Sie uns, den Tonkrug zu zerbrechen!

Mitschrift der Eröffnugsrede von Dr. Garlich

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