ORF-Kritik als Buch, herausgegeben von Küniglbergern

26. Juli 2006, 12:21
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Neisser: "Schüssels machtpolitische Gelüste" - Leseproben im STANDARD

Kritische und um das Unternehmen besorgte ORF-Journalisten geben am 12. Juni ein Buch zur Lage der Anstalt heraus. "Der Auftrag" (Sonderzahl Verlag) nennt ihr Verein Freiraum die Sammlung von Aufsätzen, verfasst von enttäuschten ORF-Reformberatern wie Heinrich Keller, Politikern, ORF-Journalisten und Chefredakteuren wie jenem des DER STANDARD, Gerfried Sperl. Erste Leseproben liefert DER STANDARD:

Von Parteien abhängig

Alfred Payrleitner, bürgerlich, ORF-Wissenschaftschef a. D., Berater ("Weiser") der Regierung bei der ORF-Novelle: Im Stiftungsrat, dem zuständigen Wahlorgan des unabhängigen Rundfunks, sitzen zum überwiegenden Teil nur von Parteien und Verbänden abhängige Personen. Das bedeutet zwar nicht, dass es sich um bloße Apparatschiks handelt, doch im entscheidenden letzten Moment kommt es immer zu bindenden fraktionellen Vorabsprachen.

Die Sachkenntnis der Mitglieder ist beschränkt. Meist sehen sie die Dinge nur aus der schmalen Sicht ihrer jeweiligen Interessen, ihre Neugierde bezieht sich auf Details und das, was halt so in den Zeitungen steht. Von der internationalen Konkurrenzlandschaft und ihren Trends weiß man wenig bis nichts. Nur wenige können ein Programm-Schema überhaupt lesen und verstehen."

Spielball ORF

Heinrich Neisser, ehemaliger ÖVP-Minister und bürgerlicher Intellektueller: "Seit dem Jahr 1974 ist der ORF wieder zum ungehemmten Spielball parteipolitischer Interessen geworden. Das wird heute mehr denn je sichtbar. Wolfgang Schüssel, der sich selten, aber doch hin und wieder als Nachfolger von Josef Klaus sieht, ist in seiner ORF-Politik eher als Nachfolger seiner sozialdemokratischen Vorgänger anzusehen, die er in seinen machtpolitischen Gelüsten und in seiner parteipolitischen Zielstrebigkeit längst überholt hat."

Totaler Einfluss

Heinrich Keller, ehemaliger SP- und ORF-Sekretär, auch enttäuschter ORF-"Weiser": "Mit der ORF-Reform 2001 wurden die vorgegebenen Zielsetzungen nicht erreicht, sie waren offensichtlich auch nicht gewollt, sondern nur vorgeschoben. Die Regierung wollte sich den totalen Einfluss auf das Fernsehen sichern, und das ist ihr auch gelungen. Vom Bundeskanzler wurde das Beratergremium Bacher, Csoklich, Payrleitner, Keller als Weisenrat bezeichnet; ich für meine Person muss zugestehen, nichts anderes als ein 'nützlicher' Weiser gewesen zu sein." (DER STANDARD, Printausgabe, 19.5.2006)

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