"Scheint wirklichen politischen Willen zu geben, das durchzuziehen"

3. Juli 2006, 13:51
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Laut Wirtschafts­experten Werner Raza könnte eine effektive Landreform langfristig die soziale Lage beruhigen

derStandard.at: Evo Morales stellte kürzlich seine Pläne für eine Agrarreform vor. Fünf Millionen Hektar Land aus Staatsbesitz sollen an Gruppen von Indigenas verteilt werden. Auch ungenutzte Landflächen in Privatbesitz sollen möglicherweise umverteilt werden. Was halten Sie davon?

Raza: Grundsätzlich halte ich das für eine gute Idee. Die Landflucht hat in den letzten 20 Jahren bedrohliche Ausmaße angenommen, die Armenviertel in den großen Städten sind sehr stark gewachsen. In El Alto, der vormaligen Vorstadt von La Paz ist die Einwohnerzahl in den letzten 20 Jahren von rund 50.000 auf beinahe 1 Millionen. gestiegen. Wenn diese Maßnahme dazu führt, die Landflucht zu bremsen, bzw. die Menschen dazu zu bewegen, wieder auf das Land zu ziehen, ist das sinnvoll.

derStandard.at: Bleibt Morales in der Durchführung der Landreform hinter seinen Versprechungen zurück? Schließlich will er nur ungenutzte Landflächen umverteilen?

Raza: Das läßt sich derzeit nicht abschließend beurteilen. Man muss abwarten, wie die Regierung hier weiter vorgehen wird.

derStandard.at: Die Landreform wird zwischen der verarmten Mehrheit aus Indigenas und der von Europäern abstammenden Oberschicht äußerst kontrovers diskutiert. Könnte sich die Lage zuspitzen?

Raza: Es ist möglich, dass dies die politische Auseinandersetzung verschärft. Insbesondere die Grundbesitzerschicht im für die Agrarwirtschaft wichtigen östlichen Tiefland wird sich dagegen zur Wehr setzen.

Allerdings ist es nur eines von mehreren umstrittenen Themen, die derzeit die bolivianische Innenpolitik beherrschen. Fakt ist jedenfalls, dass die bisherigen Anläufe für eine Landreform - die erste im Gefolge der nationalen Revolution von 1952, die zweite unter der ersten Regierung von Präsident Sanchez de Lozada Mitte der 1990er Jahre - das Problem der extremen Landkonzentration (etwa 90 Prozent des Landes werden von einer kleinen Landbesitzerelite gehalten) nicht gelöst hat. Insofern ist davon auszugehen, dass eine effektive Landreform langfristig die soziale Lage eher beruhigen könnte, da damit einer zentralen Forderung der indigenen Bevölkerungsmehrheit entsprochen wird.

derStandard.at: Was ist bei dieser Landreform anders?

Raza: Im Gegensatz zur Landreform Mitte der 1990er Jahre scheint es nunmehr einen wirklichen politischen Willen zu geben, das auch durchzuziehen. Die erste Landreform in den 1950er Jahren blieb aufgrund des internationalen Drucks vonseiten der USA und auch des internen Widerstands der Oligarchie stecken und wurde dann in den 1960er Jahren von den Militärregierungen zu Grabe getragen. Es wird auch jetzt entscheidend davon abhängen, ob Morales in der Öffentlichkeit und im Parlament eine möglichst breite Unterstützung dafür gewinnt. derStandard.at: Wie werden die Konzerne reagieren?

Raza: Multinationale Konzerne werden davon nur wenig betroffen sein. Insoweit sehe ich nicht, dass dies zu starken Reaktionen führen wird. Allenfalls brasilianische Agrarunternehmen, die im östlichen Tiefland Land gekauft haben, könnten davon betroffen sein.

derStandard.at: Wie könnte es Morales gelingen, einen Ausgleich zwischen den Massen und der Oligarchie zu schaffen? Ein Ding der Unmöglichkeit?

Raza: Nicht notwendigerweise. Entscheidend wird sein, ob er in den städtischen Mittelschichten genügend Unterstützung erhält, und er soziale Umverteilung mit dem Aufbau eines auf den Binnenmarkt ausgerichteten Produktionsmodells verbinden kann. Eine Stärkung der Massenkaufkraft und mehr Wirtschaftswachstum kämen vor allem auch den von Verarmung bedrohten städtischen Mittelschichten zugute. (mhe)

Werner Raza ist Lektor an der WU Wien am Institut für Volks­wirtschafts­theorie und -politik, Abteilung Außen­wirtschaft und Entwicklungs­planung. Lateinamerika, im besondere Bolivien gehört zu seinen Forschungs­schwer­punkten.
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    foto: privat
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