Keine Schönheit ohne Schmutz

18. Mai 2006, 19:25
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So lässig kann ein Hobby klingen: "Broken Boy Soldiers", das Debüt-Album von The Raconteurs

Noch vor wenigen Monaten konnte nicht einmal ein an sich großzügiger Secondhand-Tandler von den Greenhornes aus Cincinnati, Ohio, überzeugt werden. Da halfen auch keine Hinweise auf die Rolle der Band im Vorprogramm der letzten White-Stripes-Tournee. Ob sich das mit ihrer Eingebundenheit in das Projekt The Raconteurs ändert - man weiß es nicht. Wenn es stimmt, dass sich hier vier alte Freunde hobbymäßig zum gemeinsamen Musizieren zusammengetan haben und die finanzielle Ernte, ihrer Saat entsprechend, aufgeteilt wird, dürften die grünen Jungs Jack Lawrence (Bass) und Patrick Keller (Haudrauf) zumindest in der nächsten Zeit ihre Miete gesichert haben. Sie sind die zwei "no names" bei den Raconteurs.

Die beiden anderen, aus Detroit kommenden, dieses Vierers sind da wesentlich prominenter - und begabter: Der Songwriter Brendan Benson einerseits und Jack White, als männliche Hälfte des Duos White Stripes weltberühmt, andererseits. So weit die handelnden Personen. Es ist daher wenig überraschend, dass es die beiden Letztgenannten sind, die das Album Broken Boy Soldiers ästhetisch formen: Da ist einmal Bensons bekannte und geschätzte Pop-Affinität, die ihre Qualität mit der bereits vorab veröffentlichten Single Steady As She Goes untermauerte, die das Album auch eröffnet. Eine Popnummer, der von der Band durch ein paar präzise gesetzte Kanten und stellenweise hochfahrende Gitarrenriffs jenes Profil gezeichnet wird, das eine Hitsingle braucht.

Ähnlich funktioniert Hands, ebenfalls mit Benson am Mikrofon, in dem er ein wenig an einen heller gestimmten Doug Martsch von Built To Spill erinnert und nicht um schon auch ein wenig doof klingende, beatleeske "Uh! Uh! Uhs!" herumkommt - während White vor dem Verstärker Feedback surft und seine Energie gerade noch kontrollieren kann. Dann hält ihn nichts mehr, und er tritt für Song Nummer drei, den titelgebenden Broken Boy Soldier nach vorn. Dieses Lied - das wahrscheinlich beste hier - könnte auch von dem letzten Album der Stripes stammen. Wie auf Get Behind Me Satan geriert White sich darin als gelehriger Robert-Plant-Schüler, der mit heiserem Kastratengejaul durch eine fahrige, gleichzeitig druckvolle Bluesrocknummer hetzt. Nennen wir das Ergebnis ruhig saugeil.

Ansonsten überlässt White das Mikro weit gehend Benson und gefällt sich in seiner Rolle als begnadeter Zulieferer. Darauf insistiert er in diversen Interviews, nämlich, dass die Raconteurs keine Jack-White-Personale seien, sondern eine eigenständige Band. Aber es ist natürlich White, der darauf achtet, dass die historisch anmutende Patina mancher Songs stimmt und dass Bensons Stücke nicht zu poliert klingen. Im positiven Sinn: White ist die Dreckschleuder, die dafür sorgt, dass der Gehalt des Grinds zwischen den Rädchen dieses Werkels stimmt - dass es pfeift, quietscht und brummt. Mit dieser Aufgabenteilung machen die Raconteurs auf ihrem Debüt nichts falsch. Ab der Mitte der CD wird es ein wenig ruhiger, man gibt sich halbakustisch, was der Schönheit und Vielfalt des Albums, dem zur selben Zeit eine entspannte Gelassenheit anzumerken ist, höchst zuträglich ist. Diesbezüglich am überzeugendsten ist das, auf Basis eines flockigen Train-Rhythmus angeschobene und entsprechend lässig klingende Yellow Sun. Eine nette, fast schon harmlose Komposition, der in ihrer dreiminütigen Lebenszeit aber genug Richtungswechsel widerfahren, um sie vor der Beliebigkeit zu schützen. Schlau, souverän.

Die zehn Songs eines einnehmenden Debüts vergehen so in schnellen, ereignisreichen 33 Minuten. Ein schlechter ist nicht darunter. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.5.2006)

Von Karl Fluch
  • The Raconteurs: "Broken Boy Soldier" (XL Rec./Edel)
    foto: xl rec./edel

    The Raconteurs: "Broken Boy Soldier" (XL Rec./Edel)

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