Der Abgeklärte

18. Mai 2006, 19:34
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Carl Barât, der einstige Songwriting-Partner von Pete Doherty, und seine neue Band Dirty Pretty Things

Carl Barât, der einstige Songwriting-Partner von Pete Doherty bei den Libertines, stellt mit den Dirty Pretty Things eine würdige - und gesündere - Nachfolgeband vor.


Eigentlich sollte Carl Barât (27) das Interview anlässlich des Debüt-Albums Waterloo To Every- where seiner neuen Band Dirty Pretty Things gemeinsam mit Anthony Rossomando absolvieren, der während der letzten Libertines-Tour Ende 2004 für den infolge exzessiven Drogenkonsums dauerabsenten Gitarristen Pete Doherty einsprang und nun auch bei den Dirty Pretty Things dabei ist. Rossomando erscheint aber nicht. Ein bisschen wirkt das, als würden plötzlich Libertines-Dämonen um die Ecke kichern. Zu hören sind sie indes nur so lange, bis man eines völlig entspannten Carl Barâts gewahr wird, der in T-Shirt, Röhrenjeans und Stiefeletten im Tourbus fläzt: "Anthony sieht sich gerade die Stadt an. Der wird schon noch kommen."

Der Tourbus steht vor einem Club in Köln, in dem die Dirty Pretty Things (außerdem dabei: Libertines-Schlagzeuger Gary Powell und Didz Hammond, ehemals Bassist bei Cooper Temple Clause) am Abend ein Konzert geben. Sie werden energischen, berührenden, puren Rock 'n' Roll spielen, bevor sich Carl Barât - schweißnass, nackter Oberkörper - mit einem "Schön, dass ihr da wart!" verabschiedet und sein Publikum in der Gewissheit zurücklässt, soeben einem furiosen Comeback beigewohnt zu haben. Der Bejubelte selbst sieht's natürlich nicht so.

"Es ist eher ein Weitermachen als ein Comeback", sagt Barât. "Ich war's, der das Ding mit den Libertines durchgezogen hat. Und jetzt geht es eben auf diese Art und Weise weiter." Als The Libertines im Juni 2002 ihr erstes Album, Up The Bracket, veröffentlichten, wurden sie von Englands Presse unverzüglich als brillanteste britische Band seit The Clash bejubelt. Was folgte, war ein einziges Chaos, wurzelnd in Pete Dohertys - man muss es so sagen - klischeeträchtiger Drogensucht, die selbst mieseste Junkie-Vorurteile bediente. Er verprügelte Barât, brach in dessen Wohnung ein, bestahl ihn. Als Doherty vor zwei Jahren einen Tourtermin nach dem anderen platzen ließ, forderte Barât ihn ein letztes Mal auf, sich in Entzug zu begeben. Vergeblich. "Anstatt sich zu bessern, hat er mit den Babyshambles eine Band mit Leuten gegründet, die diesen Irrsinn tolerierten", sagt Barât, "was bedeutete, dass es mit den Libertines vorbei war."

Nachdem The Libertines aufgelöst waren, zog sich Carl Barât im vergangenen Jahr erst einmal zurück. Und musste sich zu allem Übel auch noch einer Tumoroperation am Ohr unterziehen. Wieder genesen, reiste er in die USA, nach Brasilien und Italien. Unter anderem deshalb, um möglichst nicht von Schlagzeilen behelligt zu werden, die ihm vor Augen führten, wie Doherty zunehmend hilflos zwischen seiner Boulevard-Beziehung mit Kate Moss und diversen Polizeiverhören irrlichterte. Wird er nun auf seinen vormaligen Intimus angesprochen, sagt Barât: "Ich unterscheide mittlerweile zwischen meinem Pete und Medien-Pete. Mein Pete ist mein Freund und ein selten begabter Musiker. Medien-Pete scheint sich hingegen zu einem eigenen Geschäftszweig zu entwickeln, mit dem ich nichts zu tun habe."

Das Dirty-Pretty-Things-Album mit dem beziehungsreichen Titel Waterloo To Anywhere entstand mit den Produzenten Dave Sardy (Oasis) und Tony Doogan (Belle And Sebastian) und arbeitet eine Zeit auf, die zunehmend schizophrene Züge annahm. Lieder, die Bang Bang You're Dead oder Doctors & Dealers heißen, sind dabei zwar unverändert dem melancholischen Libertines-Duktus verpflichtet. Wo Pete Doherty allerdings mit den Babyshambles ins Weinerliche abzudriften droht, hält Barât eine im Schmerz gewachsene Abgeklärtheit entgegen: "Nach einer langen Zeit des Zweifels habe ich mir gesagt: Das ist nichts für dich, wach auf!"

Den Traum von Albion, jener romantischen Vorstellung von England, die als große Klammer der Libertines wirkte, träumt Barât jedoch immer noch. Er beugt sich zu einem DVD-Etui, öffnet den Reißverschluss und zeigt auf die Peter Sellers Collection: "Peter Sellers: Das ist Albion! Oder English Milk & Tea. Klingt zwar etwas bescheuert, aber genau das ist ein Beispiel fürs Albion-Gefühl." Plötzlich stolpert Anthony Rossomando in den Bus. Er hat ein Union-Jack-geschmücktes Plastiksackerl bei sich, aus dem er unter großem Hallo Salt-&-Vinegar-Chips zaubert. Albion! "Vielleicht", sagt Carl Barât dann noch ins allgemeine Geknusper, "wäre ein Theaterstück über die Libertines ganz interessant. Abgesehen davon, dass es ein Desaster werden würde, wenn ich's schreiben müsste. Aber es könnte echt ein gutes Stück werden." Wie würde das Ende aussehen? "Das Ende ist offen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.5.2006)

Von Uli Karg
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    foto: universal
  • Dirty Pretty Things "Waterloo To Everywhere"
(Vertrieb: Universal)
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    Dirty Pretty Things
    "Waterloo To Everywhere"
    (Vertrieb: Universal)

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