Musikrundschau: Balladenschmelz, postmodern gebrochen

18. Mai 2006, 17:03
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Neue Alben von Metric, Daníel Ágúst, Psapp und Jolie Holland

METRIC
Live It Out
(Lado)
Old World Underground, Where Are You Now?
Die auch im Freistil-Pop-Kollektiv Broken Social Scene tätige Sängerin Emily Haines und ihre im kanadischen Toronto ansässige Band produzieren gefälligen wie gemäßigt angriffslustigen Power-Pop auf Gitarren-Keyboard-Basis, der dank Haines' wandlungsfähiger Stimme nicht nur in die Blues-Abgründe einer PJ Harvey vordringt. Immer wieder hört man hier auch historische Vorbilder heraus. Als Referenznamen kann man Siouxie & The Banshees ebenso erwähnen, wie sich die Gitarren immer wieder in Gefilden bewegen, die auch schon New Order erforschten. Mit diesen beiden jetzt auch offiziell bei uns erhältlichen Alben aus 2005 und 2003 empfiehlt sich die Band jedenfalls nachdrücklich für die Indie-Discos. Anspieltipps: Dead Disco oder Monster Hospital.

DANÍEL ÁGÚST
Swallowed A Star
(One Little Indian/Edel)
Der ehemalige Sänger der isländischen Multimedia-Popper GusGus versucht sich mit seinem Solodebüt gemeinsam mit dem wegen seiner Remixes für Madonna oder Beck bekannten Bix an einer sinfonischen Deutung von Pop. Basierend auf aufgerautem Rhythmusfundament und großteils von Violinen und Celli getragen, erklingt melancholischer Spacepop, der die Geschicke des Herzens erforschen will und vor allem von Ágústs schneidender Kopfstimme getragen wird. Nicht umsonst beruft sich der Künstler gerne auf Björks diesbezüglich stilprägendes Album Vespertine.

PSAPP
The Only Thing I Ever Wanted
(Domino/ Edel)
Einem internationalen Millionenpublikum dürfte dieses elektronische Pop-Duo vor allem auch wegen seiner Soundtrack-Beiträge für TV-Serien bekannt sein. Die britische Sängerin Galia Durant und der deutsche Studiotüftler Carim Clasmann konnten ihre Songs nicht nur bei Nip/Tuck oder OC California unterbringen. Gegenwärtig stellen Psapp mit dem alten Stück Cosy In The Rocket auch den Titelsong von Grey's Anatomy. Nicht unähnlich den Arbeiten des deutschen Morr-Labels (Bernhard Fleischmann, Ms. John Soda, Lali Puna ...) werden an der Schnittstelle von melancholischen Popmelodien und zart-fühlender Knusper-Elektronik hübsche, einnehmende Ergebnisse für Hörer erzielt, die bei den Balladen von Norah Jones immer auch zeitgenössische Musik und Lärmeinsprengsel vermissen.

JOLIE HOLLAND
Springtime Can Kill You

(Anti/ Edel)
Ebenfalls im einer Norah Jones beigestellten avancierteren Fach modernen "Jazz"-Balladenschmelzes arbeitet diese US-amerikanische Sängerin. Wenngleich Jolie Holland eher von den düsteren Hillbilly-Balladen des Great American Songbook herkommt und auch von großen Country-Sängerinnen, herauf von Emmylou Harris über K.D. Lang bis zu Neko Case schon etwas gehört haben dürfte und wohl auch Madeleine Theroux und die seit einigen Jahren hoch im Kurs stehende Billie Holiday-Schule kennt. Das ist Musik, die eindeutig das Landleben der hektischen Großstadt vorzieht. Tragödien können schließlich überall stattfinden. Trotz des Albumtitels: Jolie Holland ist gegenüber früheren Liedern heute eindeutig "heiterer" gestimmt. (schach /DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.5.2006)

  • "Old World Underground, Where Are You Now?"
    foto: unter scha /alive

    "Old World Underground, Where Are You Now?"

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