Ich will Experimente

31. Oktober 2006, 18:38
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Ex-Documenta-Chef Jan Hoet leitet nicht weit von Hannover eine Art kunstiges Haus des Möbels - Entworfen wurde das so genannte MARTa Herford von Frank O. Gehry

Der Standard: Herford ist nicht gerade eine Metropole. Woher kommen die Besucher?
Hoet: Aus der ganzen Welt. Bei der Ausstellung "(my private) Heroes", der ersten, die in den von Frank O. Gehry erbauten Räumen stattfand, kamen 39 Prozent der ausländischen Besucher aus den Niederlanden, 38 Prozent aus Belgien, jeweils 4 Prozent aus England, Frankreich und Dänemark, aber auch aus Ländern wie Indien, Venezuela und Neuseeland bekommen wir Besuch. Mit jeder Ausstellung erreichen wir inzwischen bis zu 20.000 Menschen.

Der Standard: Was zieht die Besucher nach Herford?
Hoet: Die Menschen kommen zum einen wegen der Architektur von Frank O. Gehry. Es gibt ja Freaks, die ganz Europa durchreisen, allein, um Gebäude von Gehry zu besichtigen. Das ist doch unglaublich, oder? Davon profitieren natürlich auch wir. Denn die Leute fragen sich: Eine so kleine Stadt und dann dieser weltberühmte Name Gehry. Was soll das, was kann man erwarten? Und weil sie so neugierig sind, kommen sie uns eben besuchen. Andere wissen aber auch die Ausstellungen hier zu schätzen, viele davon sind auch mit meiner früheren Arbeit vertraut und kommen deswegen.

Der Standard: Welches Publikum sprechen Sie an?
Hoet: Das ist ganz unterschiedlich, das geht durch alle Schichten und beschränkt sich nicht allein auf die Architekturtouristen. Zum Beispiel war die 50.000. Besucherin unseres Hauses eine Kassiererin aus dem Supermarkt. Der 75.000. war ein Schmied aus der Region, der dem Sohn des Nachbarn, wie er sagte, die Welt zeigen wollte. Und Besucherin Nummer 100.000 leitet in Wuppertal eine Galerie. Kurzum: ein sehr gemischtes Publikum.

Der Standard: Wie lässt sich das Profil des neuen Museums beschreiben?
Hoet: Ursprünglich war es ja vorgesehen, ein Zentrum für die Möbelindustrie zu errichten. Es sollte ein Impuls an die Wirtschaft in der Region gegeben werden. Vor allem die Möbelindustrie engagierte sich. Man fragte mich, bat um Hilfe, um Rat. Ich war stets der Meinung, dass ein neues Museum eine eher abstrakte Zielsetzung braucht, nicht so sehr ein Schaufenster der Möbelindustrie sein sollte, die zeigen will, was sie so draufhat. So stellten wir Kunst in den Mittelpunkt - und Design als Verbindung dazu. Hier also das Design als das eher Nützliche und dort die Kunst, also das eher Verwirrende.

Der Standard: Auf welche Weise geschieht das?
Hoet: Beispielsweise haben wir in einer Ausstellung Sessel gezeigt, die, zum Teil eigentlich nichts mehr mit einem funktionierenden Sessel zu tun haben. Aber sie sind etwas Besonderes: ein Stuhl als Symbol, ein Archetyp. Oder: der Stuhl als Thron, als Symbol der Macht. Oder nehmen wir die Möbel von Robert Wilson - Stühle, aber auch Sofas: Stets zieht er auch Verbindungen zum Theater, etwa zu Parzival, oder zu Themen, etwa zum Schatten, beispielsweise wenn er einen Stuhl auf die Theaterbühne stellt, der einen eigenen Schatten wirft, allerdings einen, der als schwarze Rückenlehne im Möbel eingebaut ist. Hier nimmt das Möbel die gleiche Bedeutung auf der Bühne wie der Schauspieler für sich in Anspruch. Das ist doch großartig! Ebenso wie die Einfachheit eines Marten Van Severen. Über zehn Jahre hat er an dem Stuhl 03 für Vitra gearbeitet. Wahnsinn, diese Einfachheit! Einfach schön! Ich will kein trockenes Designmuseum. Ich will Experimente, ein Laboratorium.

Der Standard: Findet man in Herford gute Resonanz auf solche Sichtweisen?
Hoet: Man merkt schon, dass es immer wieder Defizite in der Erziehung gibt, in der Weise, sich Visuellem zu nähern. Dem Publikum ein bewusstes Sehen nahe zu bringen, ist nicht ganz so einfach. Tatsächlich ist das auch mit Enttäuschungen verbunden. Dabei muss man sagen: Die wenigsten, die das Museum hier besuchen, sind Herforder. Einer meiner Mitarbeiter sagte einmal: "Die Herforder wollen uns nicht stören."

Der Standard: Besonders in der Region war das Museum sehr umstritten. Vielen erschien es für eine Kleinstadt mit rund 65.000 Einwohnern eher unsinnig, ein so teures Projekt zu finanzieren. Wie ist die Stimmung heute?
Hoet: Es ändert sich. Am Anfang waren über 90 Prozent der Bevölkerung gegen das Projekt. Jetzt sind es nur noch 35. Seit der Betrieb läuft und Dinge entstehen, nimmt die Kritik ab. Nehmen Sie zum Beispiel das Eröffnungswochenende: 21.000 Besucher. Die erzählen weiter, locken neue Besucher. Das ist wunderbar! Auch tragen Projekte zu einer besseren Akzeptanz bei, die nicht im Museum, sondern in unterschiedlichsten Ecken der Stadt stattfinden. Derzeit beraten wir beispielsweise den Bürgermeister der Stadt bei einer Initiative zur Stadtentwicklung, bei der alle zwei Jahre ein Stadtteil mit Kunst bespielt wird. Fremde Künstler setzen sich dann mit den Orten auseinander, verändern sie, schaffen Leben. Dabei soll mit aktueller Kunst die Geschichte der Stadt aufgegriffen werden. Das Ergebnis gibt dann auch dem MARTa Herford ein neues Gewicht. Langfristig wird so etwas Änderungen bewirken, die helfen können, unsere Akzeptanz zu verbessern.

Der Standard: Was können Unternehmen und Verbände, auf deren Initiative die Gründung des Museums zurückgeht, von den bisherigen Aktivitäten lernen?
Hoet: Statt dauernd Geld in Marktanalysen zu stecken, sollten die Unternehmen sich viel mehr um die Sensibilisierung der Menschen kümmern. Wir leben in einer Zeit, in der sich die Menschen eine personalisierte Auswahl an Produkten suchen - viel mehr als früher. Selbst wenn die Menschen zu Ikea gehen, beginnen sie zu basteln und zu kombinieren, was ja auch viel persönlicher ist. Diese Personalisierung für Firmen umzusetzen, kann eine Aufgabe des Designs sein. Und viele Unternehmen können lernen, von dem Durchschnittlichen, dem Mittelmäßigen wegzukommen. Hier in Deutschland muss schon etwas Besonderes entstehen, um die höheren Preise zu rechtfertigen. Dass das geht, zeigen Firmen wie zum Beispiel COR oder Poggenpohl.

Der Standard: Wie drückt sich das aus?
Hoet: Es beginnt mit Kleinigkeiten. Beide Firmen nennen immer die Namen der Designer, die für sie arbeiten. Das ist nicht unwichtig. Kürzlich hatten wir zwölf Küchenhersteller hier im Haus. Nur einer ist darunter, der die Designer nennt, eben Poggenpohl. Damit erfolgt auch eine Form der Personalisierung, das ist auch der Respekt vor dem Entwurf, vor dem schöpferischen Akt, der damit dokumentiert wird.

Der Standard: Wie ist das mit der Sensibilisierung der Menschen? Gibt es dafür positive Beispiele?
Hoet: Sicher, sehen Sie nur den Einfluss des Bauhaus. Das hat doch viel erreicht. Interessierte und gebildete Menschen kennen das Bauhaus, können sich damit auseinander setzen.

Der Standard: Das Erkennen von Qualität ist also eine Bildungsfrage?
Hoet: Leider wird die Frage danach, was Qualität ausmacht, in Schulen nicht gestellt. Das ist ja das Problem. Vielleicht hie und da, aber eher zufällig, weil der eine oder andere Lehrer der bildenden Kunst Interesse daran hat. Aber ein allgemein gültiges Lehrprogramm gibt es nicht.

Der Standard: Gehört Design ins allgemeine Curriculum allgemeinbildender Schulen?
Hoet: Eine fundierte visuelle Ausbildung gehört genauso wie Literatur dazu. Damit meine ich nicht die Klassiker - klar, die auch -, aber vor allem auch Gegenwartsliteratur. Es gibt doch - auch in Deutschland - viel mehr als Siegfried Lenz, oder etwa nicht? Immerhin: Der Literatur geht es viel besser als dem Design oder der Kunst in Schulen.

Der Standard: Woher rührt das?
Hoet: Durch den protestantistischen Glauben an das Wort, das, anders als das Bild, scheinbar frei von Schmuck ist. Unterricht ist auf das Wort ausgerichtet, nicht auf das Bild. Jeder lernt, einen Satz zu formulieren.

Der Standard: Als Museum, das aus einer Wirtschaftsinitiative hervorgegangen ist, agieren Sie auch als Schnittstelle zwischen Kunst, Kultur, Design und Wirtschaft. Hat das schon zu neuen ökonomischen Modellen geführt?
Hoet: Nicht direkt. Aber es gibt Anfänge, zarte Pflanzen sozusagen. Derzeit arbeiten wir an einem Ausstellungskonzept mit dem Titel "7 auf einen Streich". Dabei arbeiten sieben Künstler aus sieben Ländern in sieben unterschiedlichen "Medien" oder "Disziplinen": Einer arbeitet mit Video, der nächste mit einer Skulptur, einer bedient sich der Malerei, und ein Künstler geht ins Design. Das wird Perry Roberts aus Großbritannien sein. Ihn habe ich eingeladen, gemeinsam mit Frommholz zu arbeiten. Hier entsteht nun eine sehr spannende Kooperation zwischen einem künstlerischen Design, das so gar nicht zu den bisherigen Möbeln von Frommholz passt. Perry Roberts hat sehr Unterschiedliches vorgeschlagen, zwei Entwürfe werden jetzt umgesetzt - sehr spielerisch, sehr poetisch. Ein Sessel etwa, den Frommholz sonst niemals gemacht hätte. Sicher ein Unternehmen, das gute, sehr gute Möbel fertigt - aber nichts sehr Gewagtes. Gemeinsam mit uns kann so etwas aber - wenn auch noch etwas zaghaft - entstehen. Das muss man unbedingt weiterbeobachten. Sehr spannend!
(Der Standard/rondo/19/05/2006)

Knuth Hornbogen war zu Besuch

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marta-herford.de
  • Jan Hoet ist der Chef von MARTa Herford. Das M steht für Möbel, ART für Kunst und das klein a für Architektur und Ambiente.
    marta herford

    Jan Hoet ist der Chef von MARTa Herford. Das M steht für Möbel, ART für Kunst und das klein a für Architektur und Ambiente.

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