Das Blaue vom Himmel

8. November 2006, 10:54
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Etwas Rot-Weiß-Rot, ein hilfreicher Pfarrer und Kirchglocken: eine Bildgeschichte, erzählt von Martin Prinz anhand dreier Werbeplakate

Böden gibt es hier keine. Nur Lattenwege. Es ist warm, stickig. Während draußen, vor der mit dem Pfarrer als Treffpunkt ausgemachten Pfarrkanzlei, der Wetterumschwung die erste Sommerwärme schon weggeblasen hat. Wir überqueren das Seitenschiff der Basilika. Die Rückseiten der Kuppeln sind voll mit Ziegelsplittern, Staub und Taubenkot. Und die Holzwege schwingen, als wollten sie einen zwischen den dicken Holzbalken, auf denen sie alle sieben, acht Meter aufliegen, zum Wegspringen bringen. Der Pfarrer voran, so geht es Richtung Kirchturm, bis er an einer der Lattenwegskreuzungen stutzt.

Eigentlich hatte ich weder an das Zisterzienser-Stift noch an den Kirchturm gedacht, als ich die zweite Folge dieser Österreich-Werbebilder zugeschickt bekommen hatte. Und das, obwohl am Grabmal des Stiftsgründers Leopold VI. ("der Glorreiche") in der spätromanischen Lilienfelder Basilika zum ersten Mal jenes dreistreifige Bindeschild zu sehen ist, von dem sich das Rot-Weiß-Rot des Landes herleitet. Sondern hatte vielmehr überlegt, was die Hüte auf all den Köpfen womöglich erzählten, ob sie nicht über den Umweg der Zwiebeltürmchen mit dem Kirchturm im Bild vom "Ferienidyll" in Verbindung zu bringen wären.

Daraufhin aber hatte dieser Turm mich schon an das Kircherl über der Ortschaft Attersee erinnert. Und an die bald ein Jahrhundert zurückreichende Tradition einer gut befreundeten Familie, beim Hinausschwimmen vom Nußdorfer Ufer aus erst umdrehen zu dürfen, wenn man das Kircherl sieht. Eine Rückkehr zu den Kopfbedeckungen war damit jedenfalls unmöglich geworden.

Inzwischen hat der Pfarrer die eiserne Tür in den Kirchturm gefunden. Auf der Wendeltreppe fällt mir ein, wie dieser immer schon alterslose Mann während eines Ministrantenlagers am Ötscher einen Fußball einmal so hoch in die Luft geschossen hat, dass er, bei anderer Flugbahn, bestimmt das dreigeschoßige alte Forsthaus überquert hätte. Wir hatten geschaut, und der Pfarrer hatte geschmunzelt. Nicht gelächelt, richtig geschmunzelt.

Wir erreichen die erste Turmetage

Ab hier besteht das Innenleben des Kirchturms nur mehr aus Holz. Und während durch die kleinen Rundöffnungen in den Seitenmauern die ersten Blicke auf die Ortschaft noch ohne jede Höhenangst locken, erzählt der Pfarrer von der Turmuhr, den Glocken und ihrem Gewicht.

Unterdessen aufgetauchte Bilder, wie etwa jene vom Anfang der Neunzigerjahre mit Blasmusik, Grillhendl und Freibier eröffneten Bankomaten bleiben nicht lange haften. Vielmehr etwas, was auch vom Kirchturm nicht zu sehen ist: die Fabrikshallen im Ortsteil Marktl, Müdigkeit und Schichtarbeit.

Bei den Glocken angekommen, surrt gleich ihre elektrische Steuerung. Das Läuten selbst ist gar nicht so laut. "Nach dem Krieg" seien sie erst 1950 wieder auf ihre Plätze zurückgekommen. Die im Glockenlärm unausgesprochene Frage aber, ob die Kirchtürme hier zu Lande nicht noch weit länger glockenlos hätten bleiben sollen, lässt sich anders vielleicht auch gar nicht stellen. Ganz zu schweigen von jeder Antwort.

Und schon wird es noch enger. Und die Leitern kürzer. Dafür geben sie nicht mehr so stark nach wie noch zuvor. Oben seien noch kleine Aussichtsscharten, ganz auf auf die Aussichtsplattform hinauf könne man vermutlich nicht, meint der Pfarrer vor seinem Umdrehen noch. Zu kompliziert sei die Ausstiegsöffnung verschraubt. Und dann ist es nur ein Deckel aus Blech, mit einem Kletterseil an der letzten Leiter befestigt, der etwas nach oben gedrückt und zur Seite geschoben werden muss.

Schon ist man im Freien, rundum eine beängstigend niedrige Brüstung und darüber ein Kupferdach, das aussieht wie ein Regenschirm, der im Aufspannen angehalten wurde. - Das Blaue vom Himmel, ziemlich finster ist es über Lilienfeld mittlerweile geworden. Der Regen lässt sich zwar noch Zeit. Dafür ist die Höhenangst als Sehnsucht jetzt weit bedrohlicher: sich abstoßen und hinauftauchen, bevor er platzt - dort oben, der Meeresspiegel dieser blauschwarzen Wolken.

Zurück in den Turm

Stattdessen geht es einfach zurück, zurück in den Turm, und zurück zur Frage des Pfarrers, ob man den Deckel wirklich gut zugezogen habe. Gut genug für den Wind, für das Wetter. Ja, dafür schon. Während die Sehnsucht weiterzieht und angesichts der wenig später kommenden Erkundigung des Geistlichen, was man nun schreiben würde, nicht nur auf der Stelle das rot-weiß-rote Bindeschild vom Stiftergrab oder jenen einmal so weit in die Höhe geschossenen Ball vergessen macht, sondern auch die davor noch so klare Vorstellung vom Schweigen der Glocken.

Der Pfarrer hingegen fängt mit meiner Antwort, erst einmal einige Tage zuzuwarten, ohnedies genug an: Ja, entweder es komme von selbst oder gar nicht. So habe er letzthin ein Gedicht über den Regen geschrieben, obwohl er eigentlich gar nicht dichten könne. Und ohne im Nachsatz von ihm die sonst unvermeidlichen Sätze über Gott und den Glauben gehört zu haben, fügt man selbst hinzu, dass sich manches eben nie erklären ließe. Zum Glück. Draußen regnet es dann. Das Blaue vom Himmel.
(Der Standard/rondo/19/05/2006)

Martin Prinz, Schriftsteller, lebt in Wien, publizierte zuletzt den Roman "Puppenstille" (2003, Jung und Jung).
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