Spur der Steine

6. Juni 2006, 14:48
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In Tunesien gibt es nicht nur schöne Strände, sondern im Landesinneren auch jede Menge steinerner Überreste aus der Antike

 Klaus Taschwer begab sich auf eine Suche nach den Spuren der Karthager, der alten Römer und der geheimnisvollen Numiderkönige

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Es ist ein erhebendes Gefühl, nach den 150 in den senkrechten Fels gehauenen Stufen endlich auf der Hochfläche zu stehen. Man kommt sich vor wie auf einer anderen Ebene, näher dem Himmel. Schließlich geht es an den Enden des rund eineinhalb Quadratkilometer großen Gipfelplateaus, das von einer grünen Wiese und allerlei Steinhaufen überzogen ist, unangemeldet hundert Meter senkrecht nach unten. Allein der spektakuläre Ausblick ist die rund 250 Kilometer weite Anreise aus Tunis wert.

Steht man freilich mit Mohamed Cleli dort oben auf der etwas mehr als 1270 Meter hohen Tafel des Jugurtha, dann fangen der Berg und seine Umgebung vielstimmig zu sprechen an. Der studierte Archäologe kennt sich mit der bewegten Geschichte der markanten Erhebung nämlich aus wie kein Zweiter. Und nach und nach wird klar, dass man an einem ganz besonderen Ort steht, womöglich dem Schicksalsberg Numidiens. In den herumliegenden steinernen Überresten liest Doktor Cleli wie in einem spannenden Schmöker, dessen erstes Kapitel in dunklen Vorzeiten beginnt. Am Fuß des Bergs haben er und seine Kollegen nämlich jede Menge steinzeitlicher Gräber gefunden. Später dann, in der Antike, erzählt Cleli, war die schier uneinnehmbare Festung ein wichtiger Rückzugsort für die Numider, dieses wilde Reitervolk berberischer Abstammung.

Und vor ziemlich genau 2111 Jahren ging es rund um den riesigen Felsbrocken ordentlich zur Sache: Die Truppen ihres Königs Jugurtha lieferten sich mit den Römern eine legendäre Schlacht, die den Anfang vom Ende des Numiderreiches besiegelte. Die Römer waren aber nicht die Ersten, mit denen sich die Numider herumzuschlagen hatten: Vor mehr als 3000 Jahren landeten die Phönizier an der heutigen tunesischen Küste, errichteten Karthago und vertrieben die Numider ins Landesinnere.

Die Herrscher über das halbe Mittelmeer bekamen es in den drei Punischen Kriegen mit dem aufstrebenden Rom zu tun, das nach der totalen Zerstörung Karthagos und wenig später dann mit dem Sieg über Jugurtha uneingeschränkt über ihr "Africa nova" regierten. Dann kamen die Araber und einige andere Völker, zuletzt die Franzosen, die das Land Ende des 19. Jahrhunderts zur Kolonie machen.

Heute, genau 50 Jahre nach dem Beginn der Unabhängigkeit Tunesiens, strömen die Heerscharen nur mehr in Gestalt von Touristen ins Land, die vor allem wegen der prächtigen Strände und der verlässlichen Sonne kommen - und dabei zumeist das verpassen, was die Numider, Karthager und Römer an grandiosen Ruinen hinterlassen haben.

Zwar wurden in Tunesien erst rund ein Dutzend der weit mehr als hundert Städte aus der Antike freigelegt. Doch was man da im Hinterland zu sehen kriegt, beeindruckt durch seine Größe und den gut erhaltenen Zustand, obwohl es die Tunesier mit dem Denkmalschutz nicht allzu streng nehmen.

In El Djem steht das das drittgrößte Amphitheater der Antike

In El Djem beispielsweise steht das drittgrößte Amphitheater der Antike überhaupt - mit einem Fassungsvermögen von 45.000 Personen. Nur im Kolosseum in Rom und dem Amphitheater in Capua war für mehr Leute Platz. Außerdem hat man in Tunesien angeblich mehr römische Mosaike freigelegt oder aus dem Boden geholt als in jedem anderen Land.

Zum geringen Teil sind sie auch noch dort zu bewundern, wo sie vor mehr als 2000 Jahren verlegt wurden. Zum Beispiel in den unterirdischen Villen von Bulla Regia, rund 170 Kilometer westlich von Tunis. Die antike Stadt, die von den Numidern gegründet und dann von den Karthagern und danach von den Römern ausgebaut wurde, besaß alles, was eine Provinzhauptstadt damals haben musste: einen Markt, eine Therme und ein Theater, die gut erhalten in der sanft hügeligen Landschaft herumstehen.

Die Besonderheit Bulla Regias sind die Villen der Reichen, die sich für den Sommer kühlende Untergeschoße bauen und diese mit prächtigen Mosaiken auslegen ließen, die verblüffend realistische Tier-und Jagdmotive zeigen. Touristen dürfen sie gerne mit ihren Schuhen betreten, da sie bei Hochwasser ohnehin regelmäßig überschwemmt werden.

Chemtou: Ehemalige numidische und später römische Siedlung

Nur wenige Kilometer weiter, in Chemtou, ist von der ehemaligen numidischen und später römischen Siedlung Simitthu nur noch wenig erhalten. Die Spuren des Marmorsteinbruchs und eine 30 Meter hohe Halde mit Marmorschutt jedoch zeugen eindrucksvoll von einer ganz anderen Seite der Antike: Simitthu beherbergte nämlich das größte Arbeitslager des römischen Imperiums - was insofern leicht erklärlich ist, als der hier aus dem Fels gebrochene rötlich-gelbe Marmor numidicum bei der Oberschicht Roms groß in Mode war.

"Ad marmora" bedeutete ebenso wie "ad bestias" (also den Tieren in der Arena zum Fraß vorgeworfen zu werden) den sicheren Tod, der in erstem Fall spätestens nach mehreren Monaten Zwangsarbeit in den Steinbrüchen eintrat.

Thugga - das vielleicht spektakulärste Freilichtmuseum

Das vielleicht spektakulärste Freilichtmuseum ist aber die antike Stadt Thugga, die ebenfalls schon von den Numidern gegründet worden war. Vor zwei Jahrtausenden lebten rund 30.000 Menschen auf dem 25 Hektar großen Areal. Wenn man so durch die gut erhaltenen steinernen Überreste wandelt und mitunter die Augen schließt, kann man sich mit etwas Fantasie in eine römische Provinzhauptstadt versetzen: einen Besuch im Theater mit seinen 2500 Sitzplätzen machen, die Thermen zu einem wärmenden Bad aufsuchen oder kurz am Kapitol vorbeischauen.

Zwar wurde Thugga 1997 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Doch nach wie vor springen Kühe in den antiken Straßen herum, und Schafe dürfen auf den Ruinen weiden, was die Atmosphäre nur noch authentischer macht. Und ganz gewiss gab es sicher auch schon vor zweitausend Jahren Bauern, die auf ihren Eseln durch die antiken Straßen ritten. (DER STANDARD, rondo/19/05/2006)

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    In Chemtou ist von der ehemaligen numidischen und später römischen Siedlung Simitthu nur noch wenig erhalten.

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