Knöcheltief im Glück

16. August 2006, 10:48
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Auf den Inseln im niederländischen Wattenmeer trinken Ruhesuchende ein Gläschen Nobeltje noch im Kreis der Familie

Der Likör hat auf Ameland auch Colette Schmidt sehr geschmeckt.

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Das seichte niederländische Wattenmeer, das über weite Teile zu Fuß durchwatet werden kann, wirkt wie der Übergang zu einer anderen Welt. Die ersten "Bekanntschaften", die man dabei mit etwas Glück macht, sind jene mit den verschlafenen Seehunden, die auf Sandbänken in der Sonne liegen und nur kurz den Kopf heben, wenn man an ihnen vorbeischippert.

Nach wenigen Stunden auf einer der Inseln mit ihren kilometerlangen Stränden mit hellem Sand, geheimnisvollen Dünen, Windmühlen, in denen Senfkörner gemahlen werden, Schafherden und Leuchttürmen, die man auf einem dichten Netz von Fahrradwegen passiert, fühlt man sich selbst wie so ein entspannter Seehund.

In Ameland baut man auf sanften Tourismus

Vor allem auf der Insel Ameland, die im 17. Jahrhundert durch den Walfischfang zu Wohlstand kam, baut man seit Jahren auf den sanften Tourismus: Die alten Steinhäuser, die durch eine oder zwei Reihen hervorstehender Ziegel jeweils den Rang des Seefahrers – also Kapitän oder Matrose – anzeigten, dominieren das Bild der vier Dörfer Hollum, Ballum, Nes und Buren. Bettenburgen auf grell leuchtenden Touristenmeilen sucht man hier vergeblich. Jedes neu gebaute Haus auf der Insel muss im Stil den alten Kapitänshäuschen ähneln und darf deren Höhe nicht überschreiten. Ein Gebäude überragt allerdings alle: Der 59 Meter hohe, rot-weiß gestreifte Leuchtturm in Hollum, den man beinahe von der gesamten Insel aus sehen kann. Er wurde 1880 erbaut, und bis vor wenigen Jahren kletterte der Leuchtturmwärter Andre Ruygh jeden Tag 232 Stufen hinauf, um seinen einsamen Dienst zu verrichten.

Heute löst ihn Bob rund um die Uhr ab: eine mannshohe Puppe, die in Andres Stuhl Platz genommen hat und dort wartet, dass Andre hin und wieder mit ein paar schwindelfreien Touristen vorbeischaut. Höhenangst sollte man in diesem Fall wirklich überwinden, denn der Ausblick ist es wert.

Wattwanderungen bei Ebbe

Aber auch zu ebener Erde wird es auf der 25 Kilometer langen und maximal vier Kilometer breiten Insel nicht langweilig. Aufgrund eines selbst im November oder April überraschend milden Klimas kann man Radtouren, Wattwanderungen bei Ebbe oder Wassersportarten fast immer fix einplanen. Auch Aussteiger und Künstler zieht die Insel an – so etwa Mariëlle Buckinx, die mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Hallum lebt und skurrile Objekte aus Strandgut baut – egal, ob aus Treibholz oder Plastikkanistern. Mariëlle geht fast täglich auf Materialsuche und schafft Skulpturen, Lampen oder Bilder, die man eher in einem Designerladen in Amsterdam, wo sie Kunst studiert hat, erwarten würde als in ihrem kleinen Schuppen hinter dem Einfamilienhaus.

Gemeinsam mit anderen, vor allem bildenden Künstlern wird monatelang der Kulturmonat November geplant und organisiert: Theateraufführungen und Konzerte in Galerien oder Kirchen, verstörende Aktionen im öffentlichen Raum – alles ist erlaubt.Bis das Programm steht, sind einige Treffen in der legendären Kneipe des alten Nobel nötig. Den seit Generationen nur hier hergestellten und erhältlichen Likör Nobeltje wollten sich schon einige Getränkekonzerne einverleiben – vergeblich. Wer Nobeltje trinken will, muss nach Ameland kommen.

Insel-Hopping

Und wer Ameland mit einer sechssitzigen Cessna in Richtung Texel verlässt, um das Angebot des so genannten Insel-Hoppings zu nützen, sollte auch ein Fläschchen Likör dabeihaben. Der Flug gewährt einem zwar einen guten Überblick über Form und Anordnung der Watten-Inseln, ist aber für Leute, die schon in großen Passagiermaschinen feuchte Hände bekommen, nicht empfehlenswert.

Egal, wie man nun nach Texel kommt, man sollte jedenfalls eines der größten Informationszentren für die Natur der Nordsee in der Nähe der Stadt De Koog besuchen. "EcoMare" liegt in einem 70 Hektar großen Dünenpark und ist eine Auffangstation für verletzte Seehunde und Vögel, die hier gepflegt und erforscht werden. Die Ausstellungsräume und Aquarien sind vor allem bei Familien und Schulklassen beliebt. Der tägliche Höhepunkt ist die Fütterung der Seehunde in einem der großen Becken. Bei der Fütterung darf man diesen so lieb aussehenden Tieren trotzdem nicht zu nahe kommen, denn sie können ordentlich zubeißen. Und wer glaubt, einen langen, intensiven Blick über den Beckenrand gewechselt zu haben, kann sich auch schön täuschen. Denn die meisten Seehunde werden ab 34 blind. Sie schnuppern sich heran.

Auch auf Texel lebte man seit Jahrhunderten von Fischerei und Landwirtschaft, heute ist vor allem das Krabbenfischen von Bedeutung. Im Hafen von Oudeschild werden täglich außer Sonntag Touristenfahrten mit einem Krabbenkutter angeboten. Auf der zweistündigen Fahrt wird einem nicht nur das vollautomatische Fischen erklärt, bei dem andere Tierarten möglichst geschont werden. Die Krabben werden auch gleich an Deck zubereitet, und man kann den Dreh, mit dem man angeblich das Fleisch "ganz leicht" aus der Schale lösen kann, wieder und wieder üben.

Deichen, Dünnen und Grasmatten

Damit die Nordsee ihr Land nicht verschlingt, versuchten die Bewohner von Texel, sich jahrhundertelang mit Deichen, Dünnen und Grasmatten vor der Kraft des Wassers zu schützen. An einer Stelle musste man jedoch vor 150 Jahren vor dem Meer kapitulieren, was sich nachträglich als Glücksfall herausstellte. Denn hier entstand der beeindruckende Naturpark namens De Slufter, den man, von einem Ranger geführt, besuchen darf.

Ein einzigartiges Gebiet, in dem man beobachtet, was passiert, wenn Wasser und Land ungehindert aufeinander treffen. Im Frühling brüten in den tief gelegenen, fast "außerirdisch" wirkenden Ebenen über hundert Vogelarten. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, rondo/19/05/2006)

Service

Anreise: Die KLM fliegt viermal täglich von Wien nach Amsterdam

Ameland,

Texel

Unterkunft: "Hotel Hofker" in Nes

"Hotel Greenside" in De Koog
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    Im Wattenmeer vor Texel

  • Ein Haus auf Ameland
    foto: tourismus ameland

    Ein Haus auf Ameland

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    Wattenmeer vor Büsum

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