"American Gigolo"

17. Mai 2006, 21:14
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Die Pre-Aids-Zeit der angehenden Achtzigerjahre, genau erfasst vom calvinistisch erzogenen Paul Schrader

Schraders Film stellte eine Wendemarke dar, als er 1980 in die Kinos kam. Allein der Vorspann, wenn Richard Gere als kalifornischer Casanova im Mercedes-Cabrio über die Freeways von Los Angeles gleitet und dazu Blondies "Call Me" erklingt, schien die Siebzigerjahre, die ganze schmuddelige Post-Hippie- Dekade hinwegzufegen. Kaum ein Film hat die Stimmung der angehenden Achtzigerjahre, diese kurze Pre-Aids-Zeit, so genau erfasst wie American Gigolo: ihre geradezu befreiende Oberflächlichkeit, die Renaissance von Style und Chic, den Hedonismus. Und auch die bittersüße Melancholie jener Jahre ist spürbar, als würde in den Blautönen des Films ein ultracooler Blues verborgen liegen. In dem von Richard Gere perfekt verkörperten Julian Kay zelebriert Schrader Arroganz und Narzissmus.

Unglaublich, wie provozierend selbstsicher und androgyn Gere durch die Stadt geht, wie er erotisch durch schummrige Bars und noble Hotels cruist, als surfe er auf den erotischen Wellen der Engelsstadt. Unvergesslich, wie er zu Giorgio Moroders elektronischen Rhythmen all die sündhaft teuren italienischen Klamotten vor sich ausbreitet, ganz so wie ein Künstler seine Farbpalette arrangiert. Die Armani- Sakkos wurden hier zu Fetischen wie die Lederjacken in Kenneth Angers Underground-Klassiker Scorpio Rising, einem Lieblingsfilm von Schrader. Der calvinistisch erzogene Schrader ist mutig in seiner Studie über Sex und Konsum: Julian Kay ist einer der wenigen echten Antihelden des amerikanischen Kinos, eine männliche Hure, bezahlter Lover frustrierter älterer Damen der High Society.

Wir Zuschauer sind bisweilen verstört. Er ist die andere, die südkalifornische Seite vom "Midnight Cowboy" und "Taxi Driver", eleganter und düsterer zugleich – Gottes einsamster Mann im paradiesischen Ambiente, wo hinter jeder Ecke das Nichts lauert. L.A. und Umgebung , selten so wunderbar und strange wie hier, als Farben- und Tonspiel, als strukturelles Kunstwerk, gestaltet von Armani und Moroder. Schrader verwebt europäische Literatur und Filmkunst in seine L.A.- Textur: Bertolucci, Antonioni, Malle, Godard und Robert Bresson werden zitiert, und Dante, Dostojewski und Stendhal. Einmal fährt Julian an einem Nachtclub namens Sorel vor; Julien Sorel, so heißt der Emporkömmling in Stendhals Rot und Schwarz. Im Grunde ist dieser Julian ein Mönch in einer luxuriösen High-Tech-Mönchskammer, der Sex und vielleicht Zuneigung geben kann, aber keine Liebe zulässt. Als er die Frau seines Lebens trifft, zufällig in einer geradezu schmerzlich rot erleuchteten Hotelbar, wird er bald darauf in ein Mordkomplott verwickelt. Der Gigolo hat verständlicherweise Angst vor dem Red Light District der Liebe. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.5.2006)

Von
Hans Schifferle
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    foto: sz
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