Hermann Schulz: "Auf dem Strom"

17. Mai 2006, 20:52
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Eine Afrika-Geschichte, aber nicht als Erbauungs- oder Erweckungsliteratur, nicht als ein Traktat

In diesem Buch wuschelt nichts, es ist eines ohne Skurrilitäten und ohne Verrücktheiten; es ist ein wunderbar zartes, ernstes, sinnliches und poetisches Buch, ein Buch, das von Heilung handelt und heilen kann: Es ist ein Buch über die heilende Kraft des Erzählens. Es spielt in Afrika, an und auf einem Fluss, auf dem ein Vater mit seiner Tochter fünf Tage lang um deren Leben paddelt und ihr dabei Geschichten erzählt, die seine Geschichte sind.

Zuerst sind es Selbstgespräche, in denen er sein Lebensdrama aufrollt, er hält seine Tochter für bewusstlos, vielleicht ist sie es auch, bis sie ihn auffordert, weiter zu erzählen; sie lernt dabei wohl, ihren Vater zu verstehen. Am Ziel angekommen gibt es das Hospital, zu dem sie unterwegs waren, gar nicht mehr; aber das ist auch nicht mehr wichtig: Die Tochter ist gesund, die gefährliche Reise war ein Heilungsprozess. Und dem Missionar Friedrich Ganse kommen auf dieser Reise die Selbstzweifel an seinem Beruf, er legt sein Sendungsbewusstsein, seine europäische Arroganz ab. In der Zeit, in der er Hilfe braucht, Hilfe erfährt und seine Tochter rettet, kommt er Afrika näher als in all den Jahren vorher. Man muss sich nicht fürchten: Es handelt sich nicht um Erbauungs- oder Erweckungsliteratur, nicht um ein Traktat über ein afrikanisches Saulus-Paulus-Erlebnis, nicht um tropische Melancholie; dafür schreibt Hermann Schulz viel zu geradeheraus. Und obwohl der Autor mit seinem Missionar Friedrich Ganse nicht nur durch allerlei Gefahren, sondern auch durch die Probleme Afrikas – Stammesstrukturen, Kolonialvergangenheit, das schwierige Verhältnis der christliche Missionare zur traditionellen Medizin und Zauberwelt – reist, ist das Buch nicht belehrend. Der Autor, als Sohn eines deutschen Missionars in Tansania geboren, kennt sich viel zu gut aus, um zu belehren.

Eigentlich hatte Johannes Rau an dieser Stelle der Zeitung dieses Buch vorstellen wollen. Der Leser mag schmunzeln und im Angedenken an den verstorbenen deutschen Bundespräsidenten a. D. sagen: Ja, ja, der selige Bruder Johannes – das Missions-Sujet passt zu ihm, es kommt aus seiner Welt. Das stimmt: Aber nicht nur, weil Johannes Rau der Sohn eines Predigers war; sondern auch deswegen, weil der Autor, Hermann Schulz, Johannes Raus Kollege und Freund war; mit ihm zusammen hat einst Rau den Peter Hammer Verlag gegründet; und 1967 wurde Schulz Raus Nachfolger als Verlagsleiter.

Wichtiger aber ist etwas anderes: Von diesem Buch, das nicht nur eine Jugendbuch, sondern ein Väterbuch ist, geht eine stille Kraft aus. Deswegen ist es ein Zauberbuch. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.5.2006)

Von Heribert Prantl
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