Interview: "Juve droht Bankrott"

17. Juli 2006, 15:11
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Birgit Schönau, eine Kennerin des italienischen Fußballs, sprach mit Gerhard Mumelter über die Dimension des italienischen Fußballskandals

Standard: Worauf führen Sie den Skandal zurück? Schönau: Er ist Ausdruck eines Massensports ohne Regeln. Im italienischen Fußball haben wirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten noch nie eine Rolle gespielt. Viele Klubs waren hoffnungslos verschuldet und wurden von der Regierung gerettet.

Standard: Hat dieser Skandal größere Dimensionen als alle bisherigen italienischen Fußballaffären? Schönau: Er hat eine absolut neue Dimension. Dass eine Gruppe von Leuten es schafft, die Ergebnisse der Meisterschaft systematisch zu manipulieren und die Wertung in ihrem Sinne zu beeinflussen, das hat es noch nie gegeben. Es ist wohl weltweit einmalig.

Standard: Welche Folgen wird dieser Skandal haben? Schönau: Auf der sportlichen Ebene ist damit zu rechnen, dass Juventus in die zweite oder gar dritte Liga absteigen muss. Auf der juristischen Ebene wird es ein Gerichtsverfahren gegen die Schuldigen geben. Auf politischer Ebene wird man solchen Entgleisungen mit neuen Gesetzen begegnen. Die Italiener lassen sich viel gefallen, aber dass man ihnen ihren Lieblingssport so ruiniert, werden sie nicht akzeptieren.

Standard: Welche Auswirkungen hat der Skandal für die Nationalmannschaft bei der WM? Schönau: Die sind noch gar nicht abzusehen. Es scheint ja so zu sein, dass Nationaltrainer Lippi in einen Interessenkonflikt verwickelt ist. Die Söhne Lippis und Moggis arbeiten in derselben Spieler-Vermittlungsagentur, Lippi selbst war acht Jahre Trainer von Juventus. Jeden Tag kommen jetzt neue brisante Details ans Licht.

Standard: Welche Folgen hätte eine Relegation von Juventus angesichts der hohen Summen für die Fernsehrechte? Schönau: Dem Klub droht der Konkurs. Die Aktienkurse sind im freien Fall und ziehen auch jene von Fiat nach unten. Zahlreiche Spitzenspieler würden die Mannschaft verlassen. Auch der Sportjournalismus bietet kein ruhmreiches Bild. In der Sportredaktion der Rai werden Köpfe rollen. Moggi konnte sich dort ja für die Berichte über Juve Journalisten auswählen. Es war überhaupt unglaublich, wie liebdienerisch der Sportdirektor von den Journalisten behandelt wurde. Da ist ein Großreinemachen notwendig. (DER STANDARD Printausgabe 18.05.2006)

Zur Person:

Birgit Schönau (40) lebt als Journalistin ("Süddeutsche Zeitung", "Die Zeit") in Rom. Sie ist Autorin des neuen Buches "Calcio. Italien und sein Fußball".

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    foto:derstandard

    Birgit Schönau

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