Wer nicht spurte, wurde weggesperrt

19. Oktober 2006, 15:16
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Kurz vor der Weltmeisterschaft erschüttert der beispiellose Skandal rund um Juventus Turin die Fußballnation Italien

Rom - Damals verlief das Leben von Luciano Moggi noch in geordneten Bahnen. Täglich schweifte sein Blick vom Bahnhof der mittelitalienischen Provinzstadt Civitavecchia hinaus über das Meer. Dabei träumte der stellvertretende Bahnhofsvorsteher vom Glanz einer Welt, die ihn schon als Kind faszinierte: jene des Fußballs.

Heute ist Luciano Moggi, 68, ein gebrochener Mann. Man habe seine Seele getötet, versichert er mit zitternder Stimme. Und: "Ich werde der Welt des Fußballs den Rücken kehren." Eine Welt, die dem allmächtigen Sportdirektor des Renommierklubs Juventus über Jahre zu Füßen lag. Und natürlich war Luciano Moggi kein Täter, sondern Opfer, wie er den Staatsanwälten Filippo Beatrice und Giuseppe Narducci schluchzend versicherte. Doch zehntausende Telefonmitschnitte belegen, dass Moggi in dem gigantischen Fußballskandal, der Italien erschüttert, kein Opfer, sondern einer der Drahtzieher war.

"Wir müssen sie massakrieren, diese Schiedsrichter", wettert er in einem der Anrufe und berichtet stolz, wie er nach der Begegnung Reggina- Juve Schiedsrichter Gianluca Paparesta in die Kabine gesperrt habe - als Strafe für ein annulliertes Tor. Der Freiheitsentzug fand in Paparestas Spielbericht keinen Niederschlag. "Wer sich widersetzte, wurde aus dem Weg geräumt", erklärte der Unparteiische den Staatsanwälten. Der Tsunami (La Repubblica), der über Italiens Stadien fegt, sorgte in der fußballvernarrten Nation für tiefe Bestürzung. Abgekartete Spiele, bestochene Schiedsrichter, illegale Sportwetten, gekaufte Funktionäre - ein Sumpf von Korruption, Erpressung und Betrug, für den der Ex-Trainer des FC Bologna, Giuseppe Gazzoni, nur einen Begriff kennt: "Mafia".

Die "moviola" Auch Aldo Biscardi will nicht zu den Tätern, sondern zu den Opfern gerechnet werden. In seinem Fernsehstudio liefern sich jeden Montag ergraute Herren lautstarke Duelle um nicht gewährte Elfmeter und in die Abseitsfalle gelaufene Spieler. Der Sportjournalist, der seit 26 Jahren die meistgesehene Fußballsendung des Landes moderiert, gilt als Erfinder der "moviola", in der jeder wichtige Schuss mehrmals in Zeitlupe vor- und zurückgespult wird.

Für viele Tifosi ist die "moviola" so unanfechtbar wie das letzte Gericht. Jetzt erscheint sie als Teufelswerk. "Verschieb das Abseits um 50 Zentimeter", ordnet Moggi dem Journalisten an, "und mach Zeman richtig fertig." "Hast du Biscardi die richtigen Anweisungen gegeben?", will der bekannte Fußballjournalist Giorgio Tosatti von Moggi wissen. "Klar", beruhigt der Sportdirektor. Zu den schillernden Figuren des Skandals, dem Italiens Zeitungen täglich bis zu zehn Seiten widmen, gehört auch Gigi Buffon. Der smarte Torhüter und das mit ihm liierte tschechische Model Alena Seredova zählen zu den Lieblingen der Klatschpresse. Buffon, der gerne T-Shirts mit faschistischen Slogans trägt, gab zu, bei illegalen Wetten bis zu zwei Millionen Euro eingesetzt zu haben. Neben Vincenzo Iaquinta ist er als zweiter Spieler der Nationalelf in den Skandal verwickelt.

Bis zu 400 Anrufe täglich erledigte der kleine Toskaner Moggi. Der Innen- und der Wirtschaftsminister baten ihn um Gefälligkeiten, ein General der Finanzpolizei informierte ihn über laufende Ermittlungen, und der Großunternehmer Della Valle machte ihm seine Aufwartung. Der Fiorentina-Präsident hatte versucht, sich gegen das mafiöse Kartell aufzulehnen. Nach sieben Niederlagen in Folge kroch er zu Kreuze. Jetzt fallen die Halbgötter. Zurückgetreten sind Moggi und Juventus-Geschäftsführer Antonio Giraudo, der Präsident des Fußballverbandes, sein Vize und der Vorsitzende der Schiedsrichtervereinigung. Abgetreten ist der unverwüstliche Aldo Biscardi, suspendiert der WM-Schiedsrichter Massimo De Santis. "Die WM wird zum Kreuzweg", stöhnt die Tageszeitung La Stampa. "Italien, Schande ohne Ende." Nationaltrainer Marcello Lippi gibt sich betont unbekümmert. Schwer vorstellbar, dass Lippi, der acht Jahre den Skandalverein Juventus trainierte, von Moggis Kartell nichts gewusst hat. "Unsere Ermittlungen", teilen die Staatsanwälte mit, "sind erst am Beginn." Am Dienstag wurde Italiens bekanntester Schiedsrichter Pierluigi Collina sechs Stunden verhört. Nach ihm nahmen Milan-Trainer Carlo Ancelotti und Liga-Präsident Adriano Galliani vor den Staatsanwälten Platz. Der Corriere della Sera sorgt sich: "Diesmal riskiert Italiens Fußball die Auslöschung."

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    David Trezeguet greift sich nach vergebner Chance auf den Kopf. Derzeit giobt es bei Juve gröbere Sorgen.

  • Luciano Moggi war Sportdirektor von Juventus und Drahtzieher.
    foto:epa/ferraro

    Luciano Moggi war Sportdirektor von Juventus und Drahtzieher.

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