"Nitro": Ein toter Hund fährt im Kreis

18. Mai 2006, 17:11
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Der österreichische Spielfilm "Nitro" von Mike Majzen und David Schalko

Wien – Drei junge Männer namens Zappa (Milton Welsh), Tommy (Gavin Kelty) und Jamie (Tamas Lengyel) erwarten dringend einen Marihuanalieferanten. Der Mann lässt sich nicht blicken, dafür bietet ein herrenloses Auto schnell Aussicht auf einen neuen Deal.

Nitro heißt die österreichisch-ungarische Spielfilmproduktion von Mike Majzen (C[r]ook) und David Schalko (Sendung ohne Namen, Heaven), in der Nämliches geschieht. Der Film, der den sachdienlichen Hinweis "A Film in Broken English" im Untertitel führt, begleitet seine drei radebrechenden Antihelden in der Folge auf eine wilde Fahrt von Wien nach Budapest und retour.

Vordringliches Ziel der Protagonisten ist es, den soeben gestohlenen Mercedes gegen Bares wieder loszuwerden. Handikap dabei: Im Kofferraum hat der Eigentümer einen toten Dalmatiner hinterlassen - was potenzielle Käufer irritiert und was darüber hinaus bei Zappas Bruder Jamie ein die rasche Abwicklung störendes Bedürfnis nach einer ordentlichen Bestattung des Tieres weckt.

Der Film übersetzt diese Vorgänge in wackelige Bilder, rasant geschnittene Sequenzen und setzt dazu einen treibenden Soundtrack. Da und dort (und vielleicht zu wenig nachdrücklich) erlaubt man sich spielerische Eingriffe mittels Cartoonelementen in Bild und Ton.

Bezugsfeld Bubenkino

Weil das Bezugsfeld für Nitro tendenziell das (englischsprachige) Kino ist und nur im Ansatz konkrete Lebensrealitäten, wird der tote Hund folgerichtig als "101" erkannt. Eine ebenfalls im Auto abgelegte Digi-Cam, die der autistische Jamie eifrig nutzt, und die immer wieder einmontierten Homevideofragmente, die den unbekannten Autobesitzer als zwielichtige Halbweltfigur ausweisen, tun das ihre dazu, dass Nitro an das entfesselte Bubenkino von Danny Boyle, Guy Ritchie, Quentin Tarantino und Epigonen erinnert.

Das erzeugt einen gewissen anachronistischen Effekt - nicht von ungefähr scheint sich die Welle der manierierten schwarzen Komödien um (klein-)kriminelle Lebenskünstler anderswo bereits ein wenig totgelaufen zu haben. Und auch der dramaturgische Kunstgriff, in den Homevideosequenzen nach und nach die Vorgeschichte des Jungsabenteuers zu erzählen und damit eine weibliche Überheldin zu etablieren, bleibt ein solcher.

In (Broken) English würde man dazu sagen: "going nowhere fast". Oder auf Deutsch: Das alles führt nirgendwo hin, und auch das aufoktroyierte Tempo täuscht über diesen Umstand nur bedingt hinweg. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.5.2006)

Von Isabella Reicher

Ab Freitag im Kino

  • Milton Welsh (Zappa), Tamas Lengyel (Jamie), Gavin Kelty (Tommy) und das Grab eines toten Hundes
    foto: filmladen/dor film

    Milton Welsh (Zappa), Tamas Lengyel (Jamie), Gavin Kelty (Tommy) und das Grab eines toten Hundes

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