Wahr ist, was nicht mehr da ist

17. Mai 2006, 17:36
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Gralssuche als behäbiges Abenteuer ohne Geheimnisse: Ron Howards Verfilmung von "The Da Vinci Code – Sakrileg"

In Ron Howards Verfilmung von Dan Browns Bestseller "The Da Vinci Code – Sakrileg", der Mittwochabend auf dem Filmfestival in Cannes seine Premiere erlebte, gerät die Suche nach dem heiligen Gral zum behäbigen Abenteuer ohne Geheimnisse.


Wien – Geheimnisse wollen gut gehütet sein, denn nur als ungelüftete bewahren sie ihren Reiz. Dies müssen sich vom Hollywood-Produzenten Brian Grazer abwärts all jene gedacht haben, die die Verfilmung von Dan Browns Bestseller The Da Vinci Code – Sakrileg verantworteten. Denn selten zuvor war man derart darauf bedacht, keine Informationen an die Öffentlichkeit dringen zu lassen, bevor der Film seine Premiere erlebte. Auf Testscreenings, sonst bei Blockbustern unumgänglich, wurde verzichtet. Weltweit durfte die Presse das aufwändige Opus erst am Dienstagabend besichtigen.

Der Ereignischarakter von Regisseur Ron Howards Adaption des umstrittenen Buches, das sich bisher über 50 Millionen Mal verkauft hat, war ja ohnehin gesichert. Proteste der Kirche, Boykott- und Beschwichtigungsaufrufe, Plagiatsvorwürfe – ein besseres Marketing scheint kaum denkbar. Dass der innere Spannungsbogen von Roman und Film, die Auflösung des Rätsels um den heiligen Gral in Form einer mörderischen Schnitzeljagd, längst bekannt war, schien man entspannt in Kauf zu nehmen.

Wichtig ist nur, dass sich der zum Kinobesucher gewechselte Leser nochmals überraschen lässt. Dan Browns eklektizistische Verschmelzung von religiösen Topoi zu einer Verschwörungs- und Kriminalerzählung bietet für Menschen mit gut ausgestatteten Budgets dahingehend viel kreativen Freiraum. Den Louvre bei Nacht zu zeigen – was bisher allenfalls Dokumentarfilmemachern wie Nicolas Philibert gestattet war (La Ville Louvre) –, daraus ließe sich, als Wechselspiel zwischen den starren Dimensionen der Malerei und den beweglichen Möglichkeiten des Kinos, schon einige Dynamik erzielen.

Interpretendickicht

Die Eröffnungssequenz in The Da Vinci Code zeigt allerdings schnell die Grenzen auf, die Ron Howard und sein Team gezogen haben. Beim Mord am Museumsdirektor durch den Albinomönch Silas, an dessen Verkörperung Paul Bettany von allen Darstellern wohl am meisten Spaß hatte, gerät zu einem routinierten Manöver, das dem Schauplatz nicht mehr abgewinnt, als Details aus Gemälden dämonisch hervorzuheben und mit Hans Zimmers bombastischer Musik bedrohlich zu orchestrieren.

Die Szene bleibt symptomatisch für einen Film, der sich aus dem Geflecht interpretativer Arbeit kaum zu befreien vermag. Kunsthistorische Lektüre, einerlei ob albern oder akademisch einwandfrei, und das Dozieren über die Kulturgeschichte des Abendlands sind, übertragen auf filmische Parameter, einigermaßen statische Angelegenheiten. Howard behilft sich in solchen Momenten mit Rückblenden in digital ausgebleichten Farben, die wie animierte Gemälde aus dem Schulfernsehen daherkommen. Die Geschichte des Templerordens wird so etwa zum Bilderpanoptikum verdichtet, das gleichzeitig zu viel und zu wenig erzählt.

Deutungshoheit über die meisten Zusammenhänge behält Robert Langdon, der Symbologe aus Harvard, den Tom Hanks als hoch gewachsenen Harry Potter anlegt, dessen Denkweise in Hologrammen mitunter auch visuell wird. Gemeinsam mit der Kryptografin Sophie Neveu (Audrey Tautou) deutet er die versteckten Hinweise auf den heiligen Gral, die sich in Leonardo Da Vincis Gemälden finden, mit der pragmatischen Ökonomie eines Amerikaners – was gelegentlich auch jener des Films zugute kommt: Er entschlüsselt zunächst und befragt danach erst einen Experten über mögliche Lesarten.

Entziffern, auslöschen

Der britische Gelehrte Sir Leigh Teabing (Ian McKellen) ist dahingehend mit besonders viel Enthusiasmus bei der Sache. Er lotet die verdrängte Geschichte des Christentums aus, die mit der Identifizierung der Weiblichkeit einhergeht und auf eine Dynastie von Nachkommen Christi schließen lässt. Er ist aber auch einer der Falschspieler, die dem Paar beflissene Verfolger bescheren. Während die einen ständig entziffern, sind die anderen immer schon mit dem Auslöschen von Spuren beschäftigt.

Dieses behäbige erzählerische Splitting, das entfernt an Spionagethriller erinnert, verleiht The Da Vinvi Code einen uneinheitlichen Patchwork- Charakter: Während der Mönch Silas wie ein Zeitreisender aus dem Mittelalter wirkt, könnte man sich mit dem erdigen Pariser Polizisten Bezu Fache (Jean Reno) in einen französischen Cop-Thriller versetzt fühlen, wäre dieser nicht noch auch überzeugtes Opus-Dei-Mitglied.

Die Brisanz der gemeinsamen Suche nach dem wichtigsten Code will sich in The Da Vinci Code deshalb nicht richtig übertragen, weil Howard über bedeutungsvolle Suggestionen nicht hinaus kommt. Die rhetorische Beschwörung eines Mysteriums, das im pathetischen Finale schließlich eindeutiger als im Buch gelüftet wird, hat eher den umgekehrten Effekt: Alles dreht sich hier zwar um Geheimnisse, aber der Film selbst bleibt ziemlich geheimnislos. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.5.2006)

Von
Dominik Kamalzadeh

Ab Freitag, 19.5., im Kino.

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    foto: sony
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