Ulf Miehe: "Ich hab noch einen Toten in Berlin"

17. Mai 2006, 17:00
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Nüchterne Rückschau auf eine Selbstinszenierung als Weltstadt mit stets fließendem Bier

Das "alte Westberlin" – heute ist es nur noch ein Schmähbegriff. Niemand vermisst das aufdringliche Berlin, das sich zu Mauerzeiten selbst inszenierte als Weltstadt mit stets fließendem Bier. Das Berlin der lauten Bilder, hinter denen verborgen werden sollte, dass die geschundene Stadt doch nur im Schatten der Mauer vor sich hin kümmerte. Ulf Miehe war immun gegen das Unechte des Kudamm-Boulevards, sein Berlin ist trist, brutal und schäbig, seine Figuren träumen in Grau.

Denn der Schritt vom schönen Schein des Films auf die dunkle Seite Berlins ist kurz. Das erleben auch Gorski und Benjamin, Regisseur und Autor, die in Berlin einen Kriminalfilm drehen wollen. Ihre Pläne sind größer als ihr Budget. Natürlich soll im Mittelpunkt des Films der ganz große Coup stehen, ein heißer Tipp von einem Kriminellen, der es wissen könnte. Ein Raub in ganz großen Dimensionen, der selbst den Paten der Stadt überfordert, der dafür aber umso besser als Filmplot geeignet ist. Benjamin und Gorski probieren den Überfall auf den Geldtransport der Alliierten aus, sie besorgen sich in der Unterwelt eine Waffe, sie finden Fluchtwege.

Am Anfang war es bloß eine Möglichkeit, nur so ein Gedankenspiel, was sie selber mit den beiden Säcken voll Geld machen würden. Aber irgendwann haben sie so viele Informationen, dass der Coup gar nicht mehr so undurchführbar erscheint.

Von diesem Plan und seiner Durchführung wird rückblickend erzählt – aber den Ausgang schon zu Beginn zu kennen nimmt dem Leser nichts von der Spannung. Das ist hohe Krimikunst. Von der gab es in den Siebzigerjahren nicht viel in Deutschland, das Genre war noch ziemlich unbekannt und ohne Tradition wie in den angelsächsischen Ländern. Obwohl er selber dem linken Milieu angehörte, war eine "Verhunzung des Genres" als ideologisches Trägermedium nicht Miehes Sache, er schrieb hart, unsentimental und ganz ohne Mission über die Realität.

Ulf Miehe war Drehbuchautor, das kam seinen Szenen sehr zugute, sie waren präzise und stimmig. Aber er konnte mehr, vor allem Atmosphäre schaffen, und er fand einen Ton für den Blues, den sowohl Gorski und Benjamin als auch all die halbseidenen Gestalten haben, denen sie bei ihrer Suche in Berlin begegnen. Lauter Menschen, die sich im Leben durchboxen und immer hoffen, mit dem nächsten Coup endlich raus aus der persönlichen Misere zu kommen. Miehe war nicht nur erfolgreich als Drehbuchautor, daneben hat er vieles geschrieben, darunter aber leider nur drei Kriminalromane.

Denn "Ich hab noch einen Toten in Berlin" ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich in der deutschen Kriminalliteratur. Nicht nur, weil der Roman konsequent Schluss machte mit den banalen Berlin-Bildern – und damit dem alten Westberlin 1973 ein umso eindrücklicheres Denkmal setzte –, und nicht nur, weil er sich der Ideologisierung der "Sozio-Krimis" verweigerte; seine große Leistung bestand darin, in einem Krimi nach allen Regeln des Genres einen lakonischen Ton zu treffen für die deutsche Tristesse. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.5.2006)

Von Andrea Fischer
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