Blair macht sich für neue Atomkraftwerke stark und erntet massive Kritik

5. Juni 2006, 14:35
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Gründe: Verpflichtungen zum Abbau von klimaschädlichen Kohlendioxid- Emissionen und die zunehmende Abhängigkeitvon ausländischem Gas

London - Unerwartet deutlich hat sich der britische Premierminister Tony Blair für den Bau einer neuen Generation von Atomkraftwerken stark gemacht. Die Frage, wie die bestehenden 14 britischen AKW ersetzt werden könnten, sei "mit aller Macht zurück auf der Tagesordnung", sagte der Labour-Regierungschef am Dienstagabend in London. Als Gründe nannte Blair die internationalen Verpflichtungen zum Abbau von klimaschädlichen Kohlendioxid- Emissionen und die zunehmende Abhängigkeit Großbritanniens von ausländischem Gas.

Der Premierminister stützte sich auf die noch unveröffentlichte Untersuchung einer Regierungskommission, die sich mit dem künftigen Energiebedarf Großbritanniens beschäftigt. Falls es keine Veränderungen in der Energiepolitik gebe, werde Großbritannien seine Klimaschutz-Ziele bis 2025 "dramatisch" verfehlen, sagte Blair. Außerdem werde sich das Land, das sich derzeit noch fast völlig mit heimischem Gas versorgt, dann "zu 80 bis 90 Prozent von ausländischen Importen" aus Ländern wie Russland oder Algerien abhängig sein.

"Diese Fakten bringen die Erneuerung von Atomkraftwerken, einen großen Schub für regenerative Energien und einen schrittweisen Wandel bei der effizienten Nutzung von Energie für Unternehmen und Privatverbraucher mit aller Macht zurück auf die Tagesordnung", sagte Blair in seiner Rede vor dem Unternehmerverband CBI. Andernfalls würde seine Regierung ihrer Aufgabe nicht nachkommen, die Zukunftsfähigkeit des Landes zu sichern.

"Gefährlicher nuklearer Dinosaurier"

Bei Atomkraftgegnern stießen die Äußerungen auf massive Kritik. Die Umweltschutzorganisation Friends of the Earth warf dem Premierminister vor, Geld für "einen gefährlichen nuklearen Dinosaurier" verschwenden zu wollen. Greenpeace erklärte, der Bericht der Regierungskommission sei eine "Farce". Die Entscheidung für den Bau von neuen Atomkraftwerken sei ohnehin schon längst gefallen. Der Bericht soll bis Ende Juli veröffentlicht werden.

Derzeit werden von den 14 britischen Atomkraftwerken rund 19 Prozent des Energiebedarfs auf der Insel gedeckt. Gas hat einen Anteil von 40 Prozent, Kohle von 33 Prozent. Das jüngste britische AKW wurde 1988 in Sizewell, rund 40 Kilometer nördlich von Harwich an der Nordsee, gebaut. Wenn es bei den gegenwärtigen Laufzeiten bleibt, müssten bis 2020 mit drei Ausnahmen alle Anlagen abgeschaltet werden. In einer Umfrage für die Tageszeitung "The Guardian" sprachen sich kürzlich 45 Prozent für den Bau von neuen Atomkraftwerken aus, 48 Prozent waren dagegen. (APA/dpa)

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