Schweden entdeckt die Kleinbetriebe

23. Mai 2006, 19:03
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Aufrüsten für die Forschungsquote: Großkonzerne investieren in Klein- und Mittelbetriebe - enge Zusammenarbeit mit Universitäten

Schweden ist zwar Innovationseuropameister, giert fünf Jahre nach dem New-Economy-Crash aber nach Wachstumsimpulsen. Die Forschungsquote sinkt, deshalb sollen neben Großkonzernen wie Ericsson und Saab verstärkt Klein- und Mittelbetriebe aufgerüstet werden.

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Bis vor wenigen Jahren waren Klein- und Mittelbetriebe (KMU) für die schwedische Forschungsförderung höchstens dann interessant, wenn sie im Dunstkreis großer Leitbetriebe wie Ericsson, ABB oder Saab wirkten. Fünf Jahre nach dem Platzen der New-Economy-Blase, das auch den Telekomausrüster Ericsson gehörig Terrain kostete, ist das anders. Jetzt wendet sich die staatliche Fördergesellschaft Vinnova - sie ist das schwedische Äquivalent der Forschungs­förderungsgesellschaft FFG - verstärkt den KMUs zu, und mit ihnen Themen wie Life-Science.

Die KMUs investieren mit 0,75 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) vergleichsweise wenig in Forschung und Entwicklung (F&E) - dafür aber bisher kaum über Direktförderungen, sondern ausschließlich in enger Kooperation mit Universitäten und wissenschaftlichen Einrichtungen, sagt der bei Vinnova für internationale Zusammenarbeit und Netzwerke zuständige Staffan Hakansson. Die 3,7 Prozent Forschungsquote, die Schweden zum EU-Innovationsmusterschüler machen, verdanken die Nordlichter hauptsächlich den multinationalen Konzernen, deren F&E-Investitionen drei Prozent des BIP auf die Waage bringen.

Auffällig an der schwedischen Förderlandschaft: Sie ist alles andere denn einheitlich. Vier Ministerien sind für F&E zuständig, sie verteilen ihr Geld nach den im Ministerrat gesetzten Prioritäten auf insgesamt sieben Institutionen. Das Bildungsministerium zum Beispiel speist drei der sieben Einrichtungen (siehe Grafik), das Industrieministerium vier, darunter Vinnova, Energie-, Weltraum- und Wirtschaftsentwicklungsagentur.

Bunt gemischt

Wie die Forschungsquote zeigt, war diese Arbeitsteilung der Innovation der schwedischen Volkswirtschaft bisher nicht abträglich. Auffällig ist allerdings, dass die Forschungsausgaben des EU-Innovationsführers seit der IT-Krise insgesamt rückläufig sind. Vor sechs Jahren waren es noch über vier Prozent des BIP, 2004 nur mehr 3,7. Dieses "nur" ist freilich relativ, bedeutet es in "echtem Geld" doch zehn Milliarden Euro, während es das an Einwohnern etwa gleich große Österreich nach massivem Mitteleinsatz über Offensivprogramme heuer voraussichtlich auf 6,2 Mrd. Euro bringen wird.

Besonderen Wert legt Vinnova-Vizepräsidentin Karin Markides darauf, nicht mit der Gießkanne zu fördern, sondern nur "nachhaltiges Wachstum": "Wir dürfen innerhalb des Innovationssystems keine Grenzen aufbauen", betont Markides. Auch deshalb gingen nach wie vor 40 Prozent des Vinnova-Budgets an Unis, 30 Prozent an Forschungseinrichtungen und nur ein Fünftel an Firmen. Insgesamt kommt übrigens nur rund ein Viertel der schwedischen F&E-Ausgaben von der öffentlichen Hand, während es in Österreich noch 37 Prozent sind - einmal mehr ein deutlicher Wink an die kleinbetriebliche Wirtschaft, ihre Innovationsanstrengungen zu erhöhen und nicht auf die großen Konzerne als Zugpferde des Wirtschaftsstandorts zu warten.

Dass es zwischen Wirtschaft und Universitäten keine Berührungsängste gibt, demonstriert man im "Access Signal Processing Lab" von Ericsson in Älvsjö nächst Stockholm. Hier versuchen 20 Nachrichtentechniker der Technischen Universität Lund gemeinsam mit Ericsson-Forschern aus dem guten alten Kupferkabel zwischen Telefonwählamt und Haushalt ("letzte Meile") herauszuholen, was geht. Denn um Video- und TV-Übertragungen auf den PC zu ermöglichen, ohne Glasfaserkabel zu verlegen, braucht es Bandbreite - heißt auf gut Deutsch: Kupferleitungen qualifizieren, Kabellängen vermessen und Interferenzen zwischen gebündelten Leitungen ausgleichen - ohne auf der anderen Seite ein Modem zu haben, das Informationen weitergibt. Ziel sei ein standardisiertes Messgerät, das Telefonnetzbetreiber einsetzen können, um ihre Netze aufzurüsten, sagt Elmar Trojer, ein aus Österreich stammender Nachrichtentechniker, der im Ericsson-Lab forscht.

70 Prozent der Kosten des Forschungsprojekts trägt Ericsson, 30 kommen aus EU-Programmen. Der Preis für die enge, aber gesellschaftsrechtlich nicht so strikte Art der Zusammenarbeit wie in österreichischen Kompetenzzentren: Sämtliche Rechte an Patenten gehören den beteiligten Unternehmen, nicht den Forschern. "Das ist für Akademiker bitter", weiß Per Ödling, Professor an der Universität Lund, "hat aber den Vorteil, dass unsere Zusammenarbeit intensiver und noch projektbezogener ist." Ödling ist ständig im Ericsson-Labor in Stockholm, weil er Distanz für gefährlich hält: "Es gibt keine Kooperation, wenn man die Leute nicht zusammenbringt." Das gelte auch für die Vinnova - die mehr sei als ein Fördergeber -, "von der man einmal pro Jahr Geld bekommt". (Luise Ungerboeck/DER STANDARD Printausgabe, 17. Mai 2006)

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