Das virtuelle Alter Ego

23. Mai 2006, 19:03
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Elektronische Stellver­treter werden vielfältig eingesetzt - ihre größte Chance, "besser" zu werden, besteht darin, vom User zu lernen

Elektronische Stellvertreter werden vielfältig eingesetzt - ihre größte Chance, "besser" zu werden, besteht darin, vom User zu lernen. Mit der menschlichen Fantasie vom intelligenten Alleskönner aus Blech hat das relativ wenig zu tun.

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Ein Single sucht Anschluss, traut sich aber nicht wirklich, im Café oder im Tanzlokal zu flirten - oder er hat für derlei Anbahnungen momentan überhaupt keine Zeit. Was kann ihm Besseres passieren, als eine nicht mehr ganz neue Entwicklung der Artificial-Intelligence-Forschung, die sich Avatar nennt? Er schickt dieses virtuelle Alter Ego, gestylt nach persönlichem Geschmack, auf eine Online-Dating-Plattform - und lässt es dort stellvertretend das Liebesglück suchen.

Der Flirt-Bot "kann ausschauen wie Sascha Hehn", sagt Brigitte Krenn, seit 1. März wissenschaftliche Leiterin des Researchstudios Smart Agent Technologies. "Er kann dem Kontaktsuchenden aber auch ähnlich sehen." Der Gestaltungsfreiraum sei bei dieser Idee des Anbieters von Internet- und Handyanwendungen Sysis, heute 3united, groß gewesen. Die Firma war quasi die Geburtsstätte des Researchstudios. Die Avatar-Idee von www.flirtboat.at wurde schließlich auch in der Studenten-Community www.derspittelberg.at verwirklicht.

Das Besondere daran: Artificial-Intelligence-Forscher des Researchstudios und des Österreichischen Forschungsinstituts für Artificial Intelligence (Ofai) beschäftigen sich bis zum heutigen Tage mit Daten, die auf diesen Plattformen gewonnen wurden. Brigitte Krenn: "Hier gab es die einmalige Möglichkeit, nicht im Labor testen zu müssen, sondern online für jedermann zugänglich."

Das entsprechende europäische Forschungsprojekt, das sich dem Thema Computersimulation menschlicher Kommunikation mittels animierter Charaktere widmete, heißt Neca (lief bis 2004).

Helferlein ruft an

In einem zweiten EU-Projekt, an dem das Research Studio und das OFAI beteiligt sind, wird der umgekehrte, traditionellere Weg des Wissenstransfers beschritten: Rascali (Laufzeit: bis 2008) hat zum Ziel, Helferleins für das Internet zu entwickeln, die zielführender als Google und Co suchen, was User aus den unendlichen Weiten des World Wide Web brauchen könnten.

Der Clou an der Sache: Wenn die Assistenten nicht mehr weiterwissen, schicken sie eine Mail an den User oder rufen ihn an. Krenn: "Warum sollte das nicht möglich sein?" Für die Forscherin, gelernte Computerlinguistin, die vom Ofai kommt und 50 Prozent ihrer Arbeitszeit auch in Zukunft noch diesem Institut widmen wird, wird in diesem Projekt eine der entscheidenden Fragen der Artificial Intelligence (AI) angesprochen und praktisch umgesetzt. "Wodurch werden intelligente Systeme lernfähig?"

Krenns Antwort: "Zu einem wichtigen Teil durch den User, durch den täglichen Umgang des Menschen mit den Systemen." Man könne mit AI kein allwissendes "Gehirn" schaffen, wie es die Forschung noch in den Achtzigerjahren versprochen hatte - auf Basis zahlreicher Sciencefictionklassiker wie Isaac Asimovs Meine Freunde die Roboter.

Assistent nachjustieren

Man müsse elektronische Assistenten in der Praxis "nachjustieren". Nur im Kontext könne man sehen, ob sie in der Interaktion "richtige" Zeichen setzen und realistisch reagieren können. "Das ist unser Job. Wir drehen dauernd an irgendwelchen Knöpfen, um Entwicklungen zu verbessern."

Dass Artificial Intelligence stets mit Robotik in Verbindung gebracht wird, gefällt Brigitte Krenn nicht. Und findet dafür einen markanten Vergleich. "Das ist so, als würde man Marsmenschen mit Erdlingen vergleichen." Ihre Forschung beschäftige sich mit Software. Die Probleme der Robotik seien eher "auf der Hardwareseite zu suchen".

Wie schaffe ich es zum Beispiel, einen krabbelnden Babyroboter so zu bauen, dass das Schultergelenk nicht abbricht? Wie kann ich einen Hund, der als Helferlein einer älteren Frau auf ihren Gesundheitszustand achtet, zum Laufen bringen?

Krenn über die AI-Forschung: "Wir machen weitaus erdigere Dinge, die vielleicht nicht so toll und aufregend sind" - aber mindestens genauso nützlich sollten sie sein. (DER STANDARD; Printausgabe, 17.5.2006)

  • Ein elektronischer Assistent im Internet kann nur durch den User "lernen".
    foto: der standard

    Ein elektronischer Assistent im Internet kann nur durch den User "lernen".

  • Artificial-Intelligence-Forscherin Brigitte Krenn, Leiterin des Smart-Agent-Studios.
    foto: der standard/andy urban

    Artificial-Intelligence-Forscherin Brigitte Krenn, Leiterin des Smart-Agent-Studios.

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