Androschs Querschüsse

28. Mai 2006, 19:01
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SP-Grande sprach sich am Dienstag für eine Abkehr von der "produktivitäts­orientierten Lohnfindung" und für sofortige Arbeitsmarktöffnung aus

Wien - Als ob ÖGB und SPÖ nicht genügend Probleme hätten: Der Auftritt des ehemaligen Finanzministers und gelegentlichen Gusenbauer-Beraters Hannes Androsch am Dienstag im Klub der Wirtschaftspublizisten wird die Kopfschmerzen der Genossen noch verstärken. Die vorgetragenen Überzeugungen des Industriellen widersprechen nämlich jeder Partei- und Gewerkschaftslinie - auch wenn sich seine Kritik stets gegen die Regierung richtet.

"Investitionspeitsche"

So fordert Androsch eine Abkehr von der "produktivitätsorientierten Lohnfindung", die seit jeher zum Credo der Gewerkschaften gehört. Diese sei eine "Investitionspeitsche", die Unternehmen zu mehr Rationalisierungen zwinge und damit Arbeitslosigkeit produziere. Stattdessen schlägt der SP-Grande vor, Lohnzuwächse auf Betriebsebene auf Basis der Formel Kerninflation (ohne Energiepreissteigungen) plus gewinnabhängiger Beteiligung zu berechnen. Die Gefahr, dass Unternehmen dann ihren Gewinn drücken würden, um neben Steuern auch Lohnkosten zu sparen, sieht Androsch nicht. Schließlich sei jeder Arbeitgeber an der bestmöglichen Motivation seiner Belegschaft interessiert.

Androsch tritt auch für die sofortige Öffnung des Arbeitsmarktes für die neuen EU-Staaten ein. Dies würde die Arbeitslosigkeit nicht erhöhen, denn "die Billigarbeiter sind ohnehin schon da und die Qualifizierten brauchen wir". Die Ängste davor würden bloß von Populisten wie Heinz-Christian Strache und Jörg Haider geschürt.

Die Gewerkschaften müssten sich umorientieren und sich mehr um Ausgegrenzte, etwa atypisch Beschäftigte, kümmern. Der Vorschlag von Metallerchef Erich Foglar, solche Arbeitsformen abzuschaffen, ist für Androsch so, "als ob man der Donau befiehlt, flussaufwärts zu fließen".

"Radikaler Verwaltungsumbau"

Zur Belebung der österreichischen Wirtschaft wünscht sich Androsch einen radikalen Abbau der Verwaltung, vor allem in Ländern und Kommunen. Damit könnte bis zu fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts eingespart und das Geld in Zukunftsbereiche wie Bildung, Forschung, und Infrastruktur investiert werden. Die vielen Landesenergieversorger, die Androsch als "Spielwiese für Duodezfürsten" bezeichnete, sollten miteinander fusioniert werden.

Neben der Bawag macht ihm auch das extrem hohe "Exposure" der österreichischen Großbanken in Osteuropa Sorgen. Bei einem Marktanteil von 28 Prozent in der Region würden sich auch die Experten im Internationalen Währungsfonds (IWF) fragen, "Was ist los bei euch in Österreich?" erzählt Androsch. (ef, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.5.2006)

  • Hannes Androsch sieht das Ostrisiko der Großbanken mit Unbehagen.
    foto: standard/andy urban

    Hannes Androsch sieht das Ostrisiko der Großbanken mit Unbehagen.

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