Anklägerin: Ex-Chefs logen und betrogen

5. Juli 2006, 16:33
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Im Prozess um die spektakuläre Pleite des US-Energiehändlers Enron Ende 2001 werden diese Woche die Schlussplädoyers gehalten

Houston - "Es kann keinen Zweifel daran geben, dass es bei Enron eine Verschwörung gab, um die Öffentlichkeit in die Irre zu führen, und dass diese beiden Männer an deren Spitze standen", donnerte Staatsanwältin Kathryn Ruemmler mit Blick auf die früheren Enron-Chefs Kenneth Lay und Jeffrey Skilling. In ihrem fast vierstündigen Schlussplädoyer in einem der bedeutendsten US-Wirtschaftsprozesse prangerte sie am Montag die beiden Männer als arrogante Manager an, die sich nicht an Regeln und Gesetze gebunden fühlten. Sie hätten die Öffentlichkeit getäuscht und Millionen Dollar in die eigene Tasche gesteckt.

Bei einem Schuldspruch drohen dem 64-jährigen Lay und dem 52-jährigen Skilling jahrzehntelange Haftstrafen. Am Dienstag war die Verteidigung mit ihrem Plädoyer dran.

"Unsinn. Absurd. Lächerlich."

Lay und Skilling verfolgten die Worte der Anklägerin regungslos. Als Führungskräfte hätten die beiden jederzeit die Wahl gehabt, die Wahrheit zu sagen, sagte Ruemmler. Doch sie hätten sich dagegen entschieden. "Machen Sie sie verantwortlich für ihre Entscheidungen, die sie getroffen haben, und ihre Lügen, die sie erzählt haben."

Die Staatsanwältin griff die Verteidigungslinie an, wonach Enron als gesundes Unternehmen von einer einseitigen Berichterstattung der Medien und räuberischen Investoren zerstört worden sei. "Das ist Unsinn. Es ist absurd. Es ist lächerlich. Kaufen Sie ihnen das nicht ab", sagte sie.

Die Anklage wirft Skilling im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch von Enron in 28 Punkten Verschwörung, Betrug und Insiderhandel vor. Lay muss sich in sechs Punkten wegen Verschwörung und Betrug verantworten. In einem getrennten Verfahren ist der langjährige Firmenboss ab Donnerstag in vier Punkten wegen illegaler Börsengeschäfte in Houston angeklagt.

Hauptzeuge Fastow

Vor dem Gericht in Houston wurden 15 Wochen lang Zeugen vernommen, am Mittwoch dürften die zwölf Geschworenen ihre Beratungen aufnehmen. Die Jury muss einstimmig entscheiden, ob die beiden ehemaligen Führungskräfte von den kriminellen Machenschaften bei Enron wussten und sich daran beteiligten. Lay und Skilling beteuerten im Verfahren wiederholt ihre Unschuld und machten vor allem den geständigen Ex-Finanzchef Andrew Fastow für Bilanzierungstricks und Gewinnmanipulationen verantwortlich. Fastow trat in dem Prozess als Hauptzeuge der Anklage auf und belastete seine Ex-Chefs schwer.

Nach dem Bankrott des einst siebtgrößten US-Konzerns 2001 verloren mehr als 4000 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz. Enron-Aktien stürzten von einst mehr als 80 Dollar bis auf wenige Cent ab. Milliarden von Dollar in den Pensionskassen der Mitarbeiter gingen verloren. (Reuters, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.5.2006)

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