"Brauchen glaubwürdige In­for­ma­tion"

4. Juli 2006, 21:50
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"Guardian" wird regel­mäßig für seine Mo­der­ni­tät prämiert - Chef­redakteur Rusbridger setzt auf journalistische traditionelle Tugenden

"No News Today": Mit dieser Headline erschien Dienstag der britische "Independent", gestaltet von Sänger Bono Vox, um Geld für seine Afrika-Aidshilfe aufzutreiben.

Die Aktion ist einmalig, ihre Titelbotschaft nicht: "Viewspaper" sind "Independent" und "The Times" mit ihrer Verkleinerung auf Tabloidformat geworden, sagt Alan Rusbridger, Chefredakteur des Guardian. Ansichtenblätter statt Newspaper, Nachrichtenblätter.

Tabloid nicht automatisch Qualitätsverlust

Tabloid bedeutet für ihn nicht automatisch Qualitätsverlust, wie "El Mundo" oder "El País" in Spanien bewiesen. Im von den Boulevardtabloids "Sun" und Co geprägten britischen Markt aber sehr wohl.

Der "Guardian" verkleinerte im September 2005 vom Großformat (wie "Süddeutsche", "Frankfurter Allgemeine") also auf Berliner Format wie seit Gründung DER STANDARD. Überschriften wurden schmaler und damit weniger laut.

Präzise Berichterstattung

Es geht um verlässliche Information, sagt Rusbridger: "Niemand in Großbritannien glaubt an die amerikanische Idee von Objektivität. Aber wir können fair sein, präzise, und wir können Zusammenhänge erklären. Im Internet mangelt es nicht an Kommentatoren. Unsere Stärke ist präzise Berichterstattung. Das können normale Blogger nicht erfüllen. Das wird nachgefragt, ob in Print oder online."

STANDARD: Fordern auch junge Leser diese Verlässlichkeit ein, die ihre Informationen aus einer Vielzahl kostenloser Angebote im Netz beziehen können?

Rusbridger: Wenn Glaubwürdigkeit ihnen nicht wichtig ist, dann kann ich ihnen nicht helfen. Die ganze Gesellschaft braucht glaubwürdige Information, um zu funktionieren. Wir haben jahrelang gehört, dass die Menschen keine Zeit mehr haben, Zeitungen zu lesen. Das Geschehen in der Welt über Weblogs zu verfolgen, und zu beurteilen, welche davon verlässlich sind, kostet ungleich mehr Zeit.

STANDARD: Der "Guardian" wird regelmäßig nicht nur für die Zeitungsgestaltung, sondern auch für seinen Onlineauftritt ausgezeichnet. Bringt guardian.co.uk der Zeitung Leser oder kostet es sie welche?

Rusbridger: Ich vermute, wir verlieren dadurch mehr Printleser, als wir gewinnen. Wir kannibalisieren uns damit. Mir ist es grundsätzlich gleich, ob die Leute uns auf Papier oder online lesen.

STANDARD: Wirtschaftlich wohl nicht: Zeitungen setzen mit Werbung noch immer ein Vielfaches ihrer Onlinedienste um.

Rusbridger: Aber deren Kurve geht steil nach oben. Verlangen wir Geld für unseren Onlinedienst, flacht sie sofort ab und verliert ihre Entwicklungsdynamik. Wir müssen versuchen, dass sich die - hoffentlich nicht zu rapide sinkende - Kurve von Print und Online treffen. Unser Onlinedienst schafft heuer den Breakeven. Aber wir müssen weiter investieren und neue Verluste in Kauf nehmen, um dabei zu bleiben. Würden wir keine Zeitung mehr drucken, sparten wir damit 177 Millionen Euro pro Jahr. Funktioniert elektronisches Papier auch im Sonnenschein, brauchen wir das nicht mehr.

Wir wissen nicht, ob die Zeitung der Zukunft aus 90 oder nur noch 50 Prozent Text besteht und wir alle mit der Videokamera herumlaufen. (DER STANDARD; Printausgabe, 17.5.2006)

Zur Person

Rusbridger ist 52 und führt seit 1995 den "Guardian".

Die Fragen stellte Harald Fidler.

  • Artikelbild
    foto: the guardian/linda nylind
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