Billige Wohnungen für Türken

6. Juni 2006, 12:44
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Experte: Soziale Durchmischung in der Stadt ist erst der Anfang

Wien – In Wien gibt es keine "No-Go-Areas" oder segregierte "Ausländergettos" wie in anderen internationalen Großstädten – darüber herrscht Einhelligkeit. Doch zum deklarierten Ziel der Stadtverwaltung, der durchgängigen "sozialen Durchmischung", ist es noch ein weiter Weg: Immer noch wohnt ein großer Teil der Zuwanderer in den abgewohnten gründerzeitlichen Zinshäusern entlang des äußeren Gürtels.

18 Prozent der Wiener haben keinen österreichischen Pass, das sind doppelt so viele wie im gesamten Bundesgebiet. Insgesamt hat ein Drittel der Wiener migrantischen Hintergrund. Deren Wohnsituation habe sich in den letzten Jahren verbessert, da der Zuzug stabil geblieben und die Spekulation zurückgegangen sei, meint der Stadtsoziologe Rudolf Giffinger.

Dennoch waren Zuwanderer durch "diskriminierende Zutrittsbestimmungen bis weit in die 1990er-Jahre" vom sozialen Wohnbau ausgeschlossen und wurden dadurch in billige Altbauten abgedrängt, erklärt Giffinger. Während es Einheimischen durch Förderungen leichter gemacht wurde, wegzuziehen, haben Ausländer erst seit Anfang 2001 Anspruch auf Wohnbeihilfe.

"Das Absurde an der Wiener Situation ist, dass die Konzentration von benachteiligten Migranten entlang des Gürtels ein enormer Vorteil ist", räumt der Wohnraumexperte ein. In deutschen oder französischen Städten habe der Grundsatz, dass Migranten jede Wohnung offen stehen müsse, dazu geführt, dass der soziale Wohnbau von vornherein in schlechten Lagen angesiedelt wurde, was eine Verdrängung der Marginalisierten in die Peripherie gebracht hätte.

Gemeindebau-Ängste

Für den Wiener Wohnbaustadtrat Werner Faymann (SP) hat es "sehr oft kulturelle Gründe", dass Migranten unter sich bleiben wollen: "Die Treffs und Klubs für Türken sind eben in Ottakring. Es wird noch eine Generation dauern, bis die Zuwanderer genauso gern in Liesing wohnen." Immerhin habe sich der Anteil ausländischer Bewohner in Neubauanlagen von zwei Prozent vor zehn Jahren auf 20 Prozent erhöht.

Seit Anfang 2006 stehen auch Gemeindewohnungen für Nicht-EU-Bürger offen. Das sei jedoch "nur der halbe Weg", glaubt Giffinger: "Die Öffnung birgt das Risiko, die dort schon länger ansässigen, ebenfalls sozial benachteiligten Bewohner – oft ältere Leute mit niedrigem Einkommen – mit Integrationsleistungen zu konfrontieren, zu denen sie aufgrund von Ängsten und Vorurteilen nicht immer bereit sind." Um neue Konfliktzonen zu vermeiden, müsse es mehr Integrationsangebote für Migranten geben, anstatt immer nur Leistungen von ihnen zu verlangen.

Der befürchtete Ansturm von ausländischen Staatsbürgern ist bisher jedoch ausgeblieben, beteuert Faymann: Derzeit gebe es weniger als 600 Ansuchen für die insgesamt 9000 jährlich vergebenen Gemeindewohnungen. Die Grünen vermuten hinter dem geringen Andrang ein "Totschweigen" des neuen Angebots und fordern verstärkte Informationskampagnen.

Integrationsprobleme können nur im Alltag und vor Ort gelöst werden, ist Giffinger überzeugt. Lokale Projekte, wie die Aufwertung von einzelnen Vierteln, seien "viel vernünftiger" als die Durchsetzung von Maßnahmen, "wo alle über einen Kamm geschert werden". Zudem müsse das Wohnungsangebot mit Familienzusammenführungen und der Situation am Arbeitsmarkt abgestimmt werden, auch mit entsprechenden Förderbedingungen. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.5.2006)

von Karin Krichmayr
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