"Austreten wollen wir deswegen noch lange nicht"

16. Mai 2006, 18:11
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Der litauische Wirtschaftsexperte Remigijus Šimašius zur Entscheidung der EU-Kommission, den Beitritt Litauens zur Euro-Zone abzulehnen

derStandard.at: Überrascht Sie die Ablehnung der Kommission oder war die Empfehlung absehbar, dass Litauen den Euro 2007 nicht einführen soll?

Šimašius: Das war keine allzu große Überraschung. Was in Litauen jedoch seit mehreren Monaten Meinung ist: das Land ist ganz einfach reif für die Euro-Zone. Es ist in einer besseren Position als einige andere Länder, die bereits den Euro verwenden und in einer viel besseren Position als andere Kandiaten.

Litauen erfüllt in den Augen der Kommission die Kriterien nicht, aber man muss auch sehen, dass in Litauen die Preise allgemein sehr niedrig sind und sich jetzt natürlich an EU-Niveau angleichen. Deswegen ist die Inflation kein Ausdruck ein kränkelnden Wirtschaft, sondern eine normale Harmonisierung des Marktes und der Preise.

derStandard.at: Vilnius überschreitet den Referenzwert bei der Inflation von 2,6 Prozent nur geringfügig um 0,1 Punkte. Hätte die Kommission einfach ein Auge zudrücken sollen?

Šimašius: Wenn man Kriterien aufstellt, sollte man sich auch daran halten. Das ist normal. Aber es ist natürlich paradox, dass eines der Länder mit der geringsten Staatsverschuldung, dem geringsten Budgetdefizit und dem höchsten Wachstum in der EU der Zugang zur Euro-Zone verwehrt bleibt. Leider ist es meiner Meinung nach nicht zu erwarten, dass die Inflation in nächster Zeit sinkt.

derStandard.at: Die sozialdemokratische Regierung von Ministerpräsident Algirdas Brazauskaus will angeblich die Ablehnung nicht hinnehmen. Was wird sie tun?

Šimašius: Das müsste man natürlich die Regierung fragen. Aber es wird vermutlich nun eine Sache der politischen Verhandlung sein. Möglicherweise arbeitet ja der Rat eine Empfehlung aus, die anders aussieht. Wer weiß, vielleicht gibt es hier noch eine Überraschung. Die Regierung wird auf alle Fälle alles tun, um sobald wie möglich der Eurozone beitreten zu können. Aber das wird nach dieser Entscheidung natürlich schwieriger.

derStandard.at: Wie würde sich eine Verzögerung der Euro-Einführung auf die Wirtschaft auswirken?

Šimašius: Ich glaube nicht, dass sich das großartig auswirken würde. Wir haben eine sehr stabile Währung und 100 Prozent Reserven in der Nationalbank. Natürlich kann man nicht ausschließen, dass ausländische Investoren sich nun doch nicht für Litauen entscheiden.

derStandard.at: Wie wird sich die Ablehnung auf die EU-Stimmung auswirken?

Šimašius: Die meisten Litauer sind ohnehin sehr skeptisch, was die Euro-Einführung betrifft. Sie befürchten Preissteigerungen durch den Euro. Wahrscheinlich sind einige enttäuscht und fühlen sich zurückgewiesen, der EU-Enthusiasmus steigt durch diese Entscheidung der Kommission nicht, aber austreten wollen wir deswegen noch lange nicht.

Remigijus Šimašius ist Präsident des "Lithuanian Free Market Institute", einer privaten, nicht politischen Non-Profit-Organisation mit Sitz in Vilnius. Die Fragen stellte Manuela Honsig-Erlenburg
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    foto: lmfi
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