Wenn Integration verschoben werden muss

6. Juni 2006, 12:47
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EU-Studien finden statt "Integrationsunwilligen" viele Diskriminierungserfahrungen

Die Frage, auf welche Definition von "Integration" laut Innenministerin Liese Prokop 45 Prozent der Muslime in Österreich "unwillig" reagieren sollen, muss bis zur Veröffentlichung der besagten Studie unbeantwortet bleiben.

Eine sechsmal größer angelegte EU-Studie von 2005 konnte die Spur der "integrationsunwilligen" Migrantenhälfte jedenfalls nicht ausfindig machen. Dafür aber Diskriminierungserfahrungen von Migranten, erklärt die Projektleiterin der im Auftrag der EU-Kommission erstellten "Limits"-Studie über Migration und Integration in Europa, Rossalina Latcheva, vom Zentrum für Soziale Innovation in Wien im STANDARD-Gespräch.

"Man kann Integration nicht mit Integrationswilligkeit gleichsetzen", kritisiert die Migrationsforscherin. Als Kategorien, an denen gelungene Integration festgemacht werden könne, wurden die Platzierung am Arbeitsmarkt, Spracherwerb, Bildung, soziale Integration und emotionelle Identifikation analysiert. Dazu wurden in sechs Städten (Wien, Bielefeld, Amsterdam, Rotterdam, Stockholm, Lissabon) je 300 Migranten aus je zwei ethnischen Gruppen (alle über 15 Jahre im Land, älter als 35) persönlich in eineinhalbstündigen Interviews über ihre komplette Migrationsbiografie befragt. Zusätzlich wurde in einer qualitativen Studie in Wien die subjektive Bewertung des individuellen Migrationsprozesses von Türken und Serben erhoben.

"Nach 30 Jahren Aufenthalt fühlen sich fast alle Migranten mit Österreich als neuer Heimat verbunden. Sie identifizieren sich mit dem Land und empfinden Loyalität. Sie haben ein Mosaik an Identifikationen, die sich nicht ausschließen. Sie wollen hier bleiben, fühlen sich zu Hause, schätzen das Rechts-, Gesundheits- und Sozialsystem, die Demokratie", sagt Latcheva. Die verliehene Staatsbürgerschaft habe die Identifikation mit Österreich noch verstärkt.

Die "harten" Integrationsfakten waren ernüchternd: Viele Migranten haben nach 15 Jahren keinen Aufstieg erlebt, fühlen sich allein gelassen, beklagen fehlende Chancen. Laut Studie besteht ein signifikant höheres Arbeitslosigkeitsrisiko für Frauen mit Migrationshintergrund, für Angehörige der türkischen Ethnie insgesamt und allgemein für jüngere Migranten. Auffällig, so Latcheva: "Die Sprache, egal, wie gut sie beherrscht wird, wirkt sich zwar auf den sozialen Aufstieg aus, aber überhaupt nicht auf den Verbleib im Arbeitsmarkt. In Österreich ist eine sehr starke Tendenz zur Dequalifizierung von Migranten vorhanden." Dann wird Integration oft "verschoben" auf die Kinder. Neuer Versuch, neues Glück. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.5.2006)

Von Lisa Nimmervoll
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