Man gönnt sich ja sonst nichts ...

16. Mai 2006, 17:00
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Im Südsteirischen ein paar Tage zu urlauben, ist an sich kein schlechter Gedanke. Hat man ihn – den Gedanken – einmal, wäre es echt blöd, ihm nicht nachzugeben

Und vor allem muss man nicht auf den Herbst warten, nur um zu sehen, dass sich die Blätter der Weinreben wieder einmal verfärben. Auch junge, zart grüne Triebe haben ihren Charme, der rein ästhetisch noch gesteigert wird durch die weißen Blüten von alten Obstbäumen und juvenil-frischen Quittenplantagen, durchsetzt von löwenzahngelb gesprenkelten, grünen Wiesen. Ein bisschen Blau vom Himmel dazu – und fertig ist die Malerei.

Bilderbuch bei Dietrichs

Dann muss mann/frau nur noch einen feinen Platz an der Sonne finden, einen Welschriesling oder frischen Sauvignon im Glas sowie ein Brot mit schmalzigem Verhackerten auf dem Teller haben – schon ist Bilderbuch angesagt. Bei der Familie Dietrich in Sernau 13 etwa hat man das alles.

Sagen wir mal so: Sie kommen in der Südsteiermark an und wollen etwas von dem Feeling, das die Landschaft hergibt, auf sich wirken lassen. Also raus aus dem Auto und gleich wieder hinsetzen, da, wo der Blick so weit reicht, dass man nicht weiß, ist das da ganz hinten jetzt der Schneeberg oder die Rax oder was? Egal. Rundherum jedenfalls Hügelketten und Hänge voller Wein.

Frisch, fröhlich, gsibergisch

Platz nehmen unter diesem auffälligen Baum, der sowas Ähnliches ist wie eine Hängeweide, aber nie und nimmer als Weidenbaum durchgeht. Jedenfalls markant und etwas skurril, aber tolle Aussicht und ein schöner Platz. Dann der Welsch und der Sauvignon, frisch und fröhlich der eine, pikant und feinwürzig der andere. Und wenn Sie jetzt noch so ein kleines Faible fürs Gsibergische haben, dann müssen Sie nur mit der Frau Dietrich ins Gespräch kommen, und schon haben Sie diesen sympathischen montafoner Tonfall inmitten steirischen Ge…, äh – Grüns.

Jetzt fahren Sie ins Quartier. Das könnte ein paar hundert Meter weiter Richtung Sattlerhof liegen, den Sie aber auslassen, weil Sie ohne Offenlegung Ihres Kontos dort kein Zimmer buchen können. Nehmen Sie halt den in Eigenarchitektur erbauten „Panoramablick“ der Familie Kotnik, wo Sie nebst guter Aussicht auch eine Kreation der steirischen Art erwartet: Die „Wellnässoase“ im hauseigenen Saunapool. Da können Sie infrarot-, finnisch- und dampfsaunen!

Die feine Hand des Kochs

Später ein Achterl vom Sauvignon blanc des Herrn Riegelnegg, der sich in altbackener Frakturschrift schreibt und einen im Gegensatz dazu erfrischenden Wein aus der Lage „Felsenriegel“ ins Glas bringt. Abendessen dann im Jaglhof! Muss sein. Toller Gastgarten auf dem Gipfel des Urlkogel, sehr gutes Essen vom neuen Wirt Lorenz Kumpusch, ein Jungkoch mit feinem Händchen für ein lauwarm mariniertes Carpaccio vom Kalbskopf mit gebratener Gänseleber, außen leicht kross, innen fein cremig. Dazu ein Glas vom vollmundigen, äußerst guten Morillon Brut des Wolfgang Maitz. Das kann so weitergehen, bis Sie das letzte Glas für diesen Tag heben – was ganz sicher ein Schnaps vom Tinnauer oder vom Gölles sein wird, oder? – und denselben loben.

Gratis mit dem Taxi

Wenn Sie rechtzeitig gebucht hätten, könnten Sie einfach eines der – was man so aus dem Prospekt erkennt: schönen und geräumigen – Zimmer im Jaglhof aufsuchen. Haben Sie aber nicht, also nehmen Sie das kostenlose Gamlitzer Service Taxi, das Sie sicher durch die schmalen Landstraßen zum Quartier bringt. Was soll man jetzt viele Worte übers Frühstück verlieren, wenn schon der Ort, an dem Sie es einnehmen, so gut gelegen ist, dass Sie alles im Blick haben, wo Sie heute noch hinwollen. Das kann das Weingut Söll sein oder das von Sabathi oder jenes von Lackner-Tinnacher. Oder alle drei – oder ganz andere, je nachdem…

Lackner-Tinnacher muss sein

Allerdings: Lackner-Tinnacher muss sein. Das liegt sowohl an den freundlichen Menschen, die Sie dort erwarten – an Wilma und Fritz, die das Weingut schon lange führen und mit viel Sachverstand verwalten –, oder an der ästhetisch und formal perfekten Architektur oder einfach am Wein, der hier gekeltert und verkauft wird. Der Welschriesling 2005 Steinbach wird Ihnen vielleicht besser schmecken als alle, die Sie bisher verkostet haben, was unter Umständen am frischen Gaumen, aber auch am saftigen und schönen Körper dieses Weines liegen kann.

Ebenfalls aus der Lage Steinbach dann der Sauvignon blanc 2005. Elegant, voll und konzentriert mit sandigen Nuancen wird er erfrischende Freude verbreiten und Sie auf den gleichen Wein aus der Riede Welles einstimmen: Ranke und schlanke Reife steckt darin, eng gebündelte Würze und mineralische Finesse.

Achtung Suchtfaktor

Wenn es die Zeit erlaubt, werden Sie von Wilma oder Fritz zu einer Führung durch das Weingut eingeladen (sehenswert!) und dann sicher auf einen Morillon und einen Grauburgunder aus der Lage Steinbach, der Sie zwar nicht umhaut, aber durchaus die Kraft dazu hätte. Zum Schluss dann noch eine Beerenauslese mit exotischen Aromen und den Riesling Eiswein, der alle Anlagen hat, dass Sie so eine Art Fendrich-Schicksal auf Weinbasis zu gewärtigen haben.

Schnaps? Na ja, wer traut sich das schon um diese Zeit? Aber man kann ihn auch mitnehmen für die Couchingzone daheim. Immerhin: Kriecherl at its best, Maschansker, Quitte und Weinbrand zur Erhaltung immerwährender Gast-Freundschaft.

Gamlitz oder Taormina

Solche Urlaubs-Tätigkeiten können Sie fast unbegrenzt fortsetzen. Der Weingüter sind viele, der Weine ebenso und um die kulinarische Versorgung brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Außer Sie haben ein knappes Budget. Denn rein preislich gesehen liegen Gamlitz und Taormina nicht so weit auseinander, wie’s der Klang der Namen suggeriert. Aber man gönnt sich ja sonst nichts …

Ein Reisebericht von Vene Maier

Links

Weingut Lackner-Tinnacher
Steinbach 12
8462 Gamlitz

Weingut und Heuriger
Familie Dietrich

Sernau 13
8462 Gamlitz

Gästehaus Panoramablick
Sernau 8
8462 Gamlitz

Restaurant, Hotel Jaglhof
Sernau 25
8462 Gamlitz
www.anderlage.at

Fruchtbrennerei Tinnauer
Steinbach 42
8462 Gamlitz

Weingut Maitz
8461 Ratsch a.d. Weinstrasse 45

  • Beim Heurigen von der Familie Dietrich.
    foto: vene maier

    Beim Heurigen von der Familie Dietrich.

  • Der Jaglhof in Sernau.
    foto: jaglhof

    Der Jaglhof in Sernau.

  • Weinberg Lackner-Tinnacher

    Weinberg Lackner-Tinnacher

  • Verkaufsraum Lackner-Tinnacher

    Verkaufsraum Lackner-Tinnacher

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