Industrie bekam zu viele CO2-Zertifikate

28. Mai 2006, 19:01
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Handel mit Emissionszertifikaten soll Kohendioxid-Ausstoß vermindern - Doch von 2005 bis 2007 wurde die Industrie der EU zu großzügig mit Zertifikaten versorgt

Kurseinbrüche von mehr als 30 Prozent am Freitag, Kursgewinne von bis zu 50 Prozent am Montag - der Handel mit Emissionsrechten in der EU geriet in den vergangenen Tagen zu einem Abenteuer. Schuld daran waren Emissionszahlen der europäischen Industrie, die durch einen Fehler zu früh an die Öffentlichkeit gelangten. Aus den bis Freitag geheimen Zahlen geht hervor, dass die meisten Mitgliedstaaten der EU so viele Emissionszertifikate zugewiesen bekommen hatten, dass sie gar nicht aufgebraucht werden konnten.

Schrittweise Verringerung

Mit dem Emissionshandel soll der Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) in der EU schrittweise verringert werden: Unternehmen ab einer bestimmten Größe bekommen aufgrund derzeitiger Emissionen ein gewisses Volumen an Berechtigungszertifikaten zugewiesen. Stößt das Unternehmen mehr Treibhausgase aus, als es darf, muss es weitere Berechtigungsscheine zukaufen. Stößt es weniger aus, kann es die übrig gebliebenen Zertifikate verkaufen.

In der zweiten Phase ab 2007 werden dann die Emissionsrechte gekürzt - um zumindest sechs Prozent. Unternehmen, die in keine umweltschonenden Technologien investieren, werden dann bestraft, indem sie immer mehr Zertifikate zukaufen müssen.

"System wird sinnlos"

So weit die Theorie. In der Praxis bekam die europäische Industrie (kleinere Unternehmen, Hausbrand und Verkehr sind nicht einbezogen) für 2005 Emissionsrechte für 1,83 Milliarden Tonnen eingeräumt, stieß aber nur 1,78 Milliarden Tonnen aus. "Damit wird aber das gesamte System sinnlos, da ja kein Handel entsteht und auch kein Druck für Reduktionen," meinte ein Mitarbeiter der Kommission. Brüssel will nun die geplante Minimalkürzung der Quoten für die nächsten Jahre (sechs Prozent) deutlicher anheben. Auch britische und deutsche Regierungsvertreter äußerten sich entsprechend, Experten gehen nun von acht bis sogar zehn Prozent aus.

Deutschland blieben im abgelaufenen Jahr 25,5 Millionen Tonnen an Emissionsrechten über, Frankreich 19,1 Millionen und Tschechien fast 16 Millionen. 14 von 20 Ländern, die Daten lieferten, hatten mehr Zertifikate als Ausstoß. An der Spitze der Länder, die Zertifikate zukaufen mussten, stand Großbritannien mit 26 Millionen Tonnen. Österreich musste für knapp 700.000 Tonnen Zertifikate zukaufen und erreichte damit fast eine Punktlandung: 32,7 Millionen Tonnen an vergebenen Zertifikaten stand ein tatsächlicher Ausstoß von 33,4 Millionen Tonnen gegenüber.

Österreich im unteren Drittel

Insgesamt liegt Österreich bei den Kioto-Zielen unter allen EU-Mitgliedern allerdings im unteren Drittel: Laut österreichischen Klimaziels sollen 2010 schon 13 Prozent weniger Treibhausgase ausgestoßen werden als im Basisjahr 1990. Für Österreich wären das rund 68 Millionen Tonnen. Nach den jüngsten verfügbaren Zahlen aus dem Jahr 2004 lag der Ausstoß von Industrie, Verkehr, Hausbrand und kleineren Unternehmen bei 91,3 Millionen Tonnen.

An den Energiebörsen lösten die Zahlen wilde Preissprünge aus (siehe Grafik). Händler sprachen von spekulativen Käufen von Unternehmen, die von starken Kürzungen der Zuteilungen schon für 2007 ausgehen. Aufsehen erregt auch die Initiative, mit der Deutschland und Frankreich verhindern wollen, dass der Emissionshandel die Strompreise für Verbraucher in die Höhe treibt. Sie verlangen von der Kommission eine Änderung der Zuteilungen, sodass nicht genutzte Emissionsrechte bei spekulativen Blasen auf den Markt gebracht werden können, um damit den Preis der Zertifikate zu senken. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.5.2006)

Michael Moravec aus Brüssel
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