Vertanzte Atemlosigkeit

19. Mai 2006, 23:11
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In einer Kölner Fassung, erprobt im Düsseldorfer Capitol-Theater, kommt das Musical "Saturday Night Fever" nun in die Wiener Stadthalle

Düsseldorf - Brooklyn kann man nicht übersetzen. Die deutsche Neuinszenierung von Saturday Night Fever hat es daher sprachlich nicht leicht. "Ich habe die Sprache noch einfacher gemacht", erklärt Regisseur Alex Balga, "ich wollte zeigen, dass das die ,lowest lower class' ist, die kein Geld hat und jeden Tag kämpft, um zu überleben. Die Sprache der Straße gibt es überall noch." Dass das Publikum aber "wegen der Tanzszenen und nicht wegen einer Milieustudie kommt", ist ihm klar.

Alex Balga hat mit seiner Bearbeitung von Saturday Night Fever eine verrückte 70er-Jahre-Party auf die Bühne geworfen. Der Fokus liegt dabei auf den rauschenden Tanzszenen, der Bee-Gees-Musik und einer Huldigung an John Travoltas gesamtes filmisches Musicaldaseins.

Mit Matthew Huet ist die Besetzung des Tony Manero in Aussehen, Hüftschwung und Tanzstil stark an das Vorbild Travolta gebunden. "Tony braucht Travoltas Ausstrahlung", ist Huet überzeugt. Trotzdem wäre es zu voreilig, das Musical als Kopie des Films abzufertigen. Die atmosphärischen Bilder, die dunstige, schwüle Stimmung des Clubs, die Enge und das heruntergekommene Brooklyn wurden sehr exakt auf die Bühne übertragen.

Die Unterschiede zum Film zeigen sich mehr in der Erzählweise, die mit einem Augenzwinkern funktioniert. Deshalb gibt es die Figur des ewig überdrehten Monty, (John Davies), der als Erzähler durch die Disco führt und auch selbst ins Geschehen eingreift. Ihm bleibt es zu verdanken, dass die wenigen nicht choreografierten Dialogszenen, wie jene der Familiengespräche, nicht ins Boulevardeske abrutschen, sondern mit Humor gezeigt werden.

Wie schon John Badhams Film seinen Erfolg wohl nicht zuletzt dem Bee-Gees-Soundtrack zu verdanken hatte, reichen die Melodien trotz endloser Coverversionen auch heute noch, um ein Musical um die Lieder herum aufzubauen. In der Choreografie von Arlene Phillips brodelt indes der abgeschüttelte Alltagstrott des kleinen Farbenverkäufers, der in der Disco zum Gott seines Genres, zum Helden seiner Kumpanen mutiert, in einer universellen Gewalt zum Hochleistungssport über.

Fast alles erlaubt

"Es war eine freiere Zeit" beschreibt der in Wien geborene Alex Balga, weshalb das Thema 70er-Jahre so gut ankommt. "Man verkroch sich damals noch nicht zu Hause und hatte Angst, es könnte etwas passieren - es war die Zeit, in der fast alles erlaubt war." Balga führte seit 1997 bei mehreren Capitol-Produktionen Regie. Bekannt wurde er mit dem Tanzmusical Miami Nights, dem er nicht nur als Regisseur diente, sondern auch Idee und Text stiftete.

In der ersten Fassung von Saturday Night Fever hatten die Bee Gees selbst mitgewirkt, für die Tourproduktion gibt es ein neues Bühnenbild (Walter Vogelweider) und einen neuen Charakter, der sich dem Filmischen nähern soll. Balga: "Man soll die Atemlosigkeit dieser Jugendlichen mitbekommen - auch das Publikum soll im ersten Akt keinen Atem bekommen." Nachdenken soll man im zweiten Teil, wenn Tony das auch tut. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.5.2006)

Von Isabella Hager aus Düsseldorf

Ab Dienstag (16.5.) in der Stadthalle
bis 28. Mai
Karten: 01/ 960 96
  • "Man soll die Atemlosigkeit dieser Jugendlichen mitbekommen." - "Saturday Night Fever", jetzt in der Wiener Stadthalle.
    foto: stadthalle /jens hauer

    "Man soll die Atemlosigkeit dieser Jugendlichen mitbekommen." - "Saturday Night Fever", jetzt in der Wiener Stadthalle.

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