Edle Einfalt, große Stille

15. Mai 2006, 19:54
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Ernst M. Binders "Beckett. Silence. Ein einziger Schrei" im gotischen Gewölbe der Dominikuskapelle in Graz

Graz - Auch die zweite Produktion '06 widmet dramagraz dem Projekt Pivot - The Genetic Code of HumanBeing, das die Compagnie seit 2004 verfolgt und das vom Theaterbeirat des Bundeskanzleramts ausgezeichnet wurde.

Bereits der Rahmen der Aufführung, ein sakraler Raum, Ort der Stille und Meditation, ist Programm: Im gotischen Gewölbe der Dominikuskapelle wird Beckett. Silence. Ein einzigerSchrei zelebriert, Ernst Marianne Binders Hommage an Samuel Becketts 100. Geburtstag. Die Koproduktion mit dem Grazer Literaturhaus und dem echoraum Wien findet hier ein angemessenes Ambiente für Binders statische, ans absurde Theater angelehnte Sprachübungen zum Thema Stille, die von Josef Klammers elektronischen Kompositionen musikalisch ergänzt werden.

Der akustischen Reizüberflutung unserer Zeit setzt Binder die Auseinandersetzung mit dem "Apologeten der Stille" entgegen, im Wesentlichen mit dessen Textes pour rien. Nicht als Montage aus Zitaten will Binder sein Stück verstanden wissen, sondern als eine Partitur aus Stimmen und Gedanken, Variationen zum Thema Schweigen. Hörbare Stille steht im Zentrum einer Suche nach der "condition humaine". Als "Pivot" bezeichnet man in der Computergrafik und 3-D-Animation den Drehpunkt. In diesem Sinne ist Pivot der Name des Protagonisten, des Individuums, das auf der Suche nach (s)einer Identität um sich selbst kreist.

Pivot - zwischen Lakonik, Ratlosigkeit und scheuer Komik eine Paraderolle für Rudi Widerhofer - trifft in Beckett. Silence auf Vergil. Diesen interpretiert Martin Horn als strengen, etwas frustrierten Pennäler, der seinem guten Anzug bereits entwachsen ist. Während das Sprechen der beiden nichts an ihrer Isolation ändert, feiert "Der Mund" Sprache in der Stille als Weg zum Du. Im weißen Trikot auf einem weißen Kubus liegend (Austattung: Carlos Schiffmann), ist Anita Gramser nur Stimme. Eindrucksvoll bewegt sie sich auf einer fragmentarischen Sprachleiter.

Binders konzentrierter Versuch, Stille als Schritt zum Menschsein erfahrbar zu machen, hat sehr kontemplative Züge. Gegen die nach einiger Zeit ermüdende Hermetik der Deklamation hilft Josef Klammers hinreißende air-music aus drei mannshohen, apfelgrünen Pressluftflaschen. Diese "stimmbandlosen Akteure" in der Auseinandersetzung von Sprache und Stille steuern zum Klang der menschlichen Stimmen noch Rhythmus und Bewegung der Luft bei - Klang, haptisch erfahrbar. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.5.2006)

Von Beate Frakele

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Drama Graz
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    foto: dramagraz
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