Behandlung, der Anatomie zum Trotz

22. Jänner 2007, 16:23
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Zwei Wiener Chirurgen fanden Ausweg für kaum behandelbare Gefäß­erkrankungen: Sie behandeln bisher meist tödlich verlaufene Aorta-Erkrankungen

Martin Cerny und Michael Grimm sind Bastler. Die beiden Fachärzte an der Klinischen Abteilung für Herz-Thorax-Chirurgie an der Medizinischen Universität Wien lassen sich durch die - oftmals behindernde - Anatomie des Menschen nicht von der Behandlung abhalten. Vor allem dann nicht, wenn es darum geht, Patienten die Chance auf ein Überleben zu geben, die bei konventionellen Therapien kaum besteht. Also arbeiten sie unkonventionell und dabei sehr erfolgreich.

Unmögliches möglich machen

Der jüngste Clou der beiden: Sie setzen Patienten überlebensnotwendige Gefäßstützen sogar dort ein, wo es bisher noch niemand wagte - mitten in den Aortenbogen. Das ist jene Gegend der Hauptschlagader, wo sich das Gefäß aufsteigend vom Herzen kommend in einem Bogen nach unten wendet, um den Köper vom Hals abwärts mit Blut zu versorgen. Hier kann es, wie anderswo auch, zu Aneurysmen (krankhafte Auswölbungen, die platzen können) oder Dissektionen (Einrisse in der Gefäßwand) kommen, die unbehandelt meist zum Tod führen. Warum es bisher noch niemand wagte, dort eine Gefäßstütze einzusetzen? Weil es anatomisch gar nicht geht.

Vorgangsweise

Vom Aortenbogen zweigen nämlich zwei wichtige Arterien ab. Die eine versorgt den linken Arm, die andere die linke Hirnhälfte. Schiebt man dort eine "Stentgraft" genannte Stütze ein, verschließt man diese Arterien. Exitus. Also schneiden die beiden diese Äste gleich ganz weg und nähen sie an eine dem Herzen näher liegende Arterie an, die vom aufsteigenden Teil der Aorta abgeht und rechten Arm und rechtes Hirn versorgt. Der Blutfluss ist gewährleistet, die hinderliche Anatomie korrigiert, Platz für den Stent im Bogen geschaffen.

Risikoabwägung

Hier stellt sich natürlich die Frage, warum die Chirurgen - wenn sie eh schon an der Aorta herumschneiden - die kranke Stelle nicht gleich durch eine Prothese austauschen. "Diese konventionelle Therapie", erkärt Cerny dem STANDARD, "erfordert eine große Eröffnung des Brustkorbes, den Anschluss an die Herz-Lungen-Maschine sowie das Abkühlen des Gesamtorganismus auf 18 Grad Celsius. Die meisten Patienten mit geschädigter Hauptschlagader sind jedoch in fortgeschrittenem Alter, haben weitere Erkrankungen und sonstige Gefäßleiden. Ein so massiver Eingriff könnte für viele tödlich sein."

Dem gegenüber stelle die Verpflanzung der Aortenäste eine relativ geringe Intervention dar. Und der - von der deutschen Medizintechnikfirma "Jotec" maßgefertigte - Stent werde nach einer kurzen Verschnaufpause für die Patienten "endovaskulär" gesetzt: über einen Schnitt in die Leistengegend durch die Beinarterie bis in die Aorta vorgeschoben und dort aufgefaltet.

Internationale Anerkennung

Diese von den beiden Wiener Ärzten entwickelte neue Technik wurde inzwischen schon an mehr als 20 Patienten, die sonst nicht mehr zu behandeln gewesen wären, erfolgreich angewendet. Zuvor hatten die beiden weltweit zum ersten Mal eine Dissektion der herznahen aufsteigenden Aorta allein mit einem endovaskulär verlegten Stent stabilisiert. Was Cerny und Grimm derzeit zu international gefragten Kongressteilnehmern macht, die Wiener Medizin-Uni weltweit in den Fokus der Gefäßchirurgie rückt. (DER STANDARD, Printausgabe, Andreas Feiertag, 15.05.2006)

  • So sieht ein Stent aus: In den Aortenbogen geschoben, versperrt er natürlich die von dort abgehenden Gefäße. An der Wiener Uni-Klinik werden sie deshalb zuvor verpflanzt
    foto: jotec

    So sieht ein Stent aus: In den Aortenbogen geschoben, versperrt er natürlich die von dort abgehenden Gefäße. An der Wiener Uni-Klinik werden sie deshalb zuvor verpflanzt

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