Archäologe findet vor der Küste Ägyptens das versunkene Herakleion

4. Juni 2000, 11:50

Die knapp einen Quadratkilometer große Stadt war einst das Tor nach Ägypten. Es gilt zahlreiche Pharaonen-Statuen und Sarkophage zu bergen.

Kairo/Alexandria - Der französische Meeresarchäologe Franck Goddio hat knapp sechs Kilometer vor der ägyptischen Mittelmeerküste bei Abukir die Überreste des versunkenen Herakleion gefunden. Die knapp einen Quadratkilometer große Stadt sei bis zur Gründung Alexandrias 331 v.Chr. das Eingangstor Ägyptens und die wichtigste Zollstation gewesen, sagte Goddio am Samstag in Alexandria. Die Funde, darunter fünf bis sieben Meter hohe Pharaonen-Statuen, Sarkophage und Schreine aus Granit, seien "sehr beeindruckend".

Die versunkene Stadt mit ihren eingestürzten Tempeln und Häusern liegt rund sechs bis acht Meter unter der Wasseroberfläche. "Die Ruinen, die gepflasterten Straßen, das Abwassersystem - alles ist mit Sand bedeckt. Manchmal sind es nur 30 Zentimeter, manchmal aber auch zwei Meter", sagte Goddio. Aus dem "jungfräulichen Gebiet" seien erstmals wieder bis zu 90 Meter lange Mauerwände sowie die 150 Meter lange Kai-Anlage aufgetaucht.

Foto: Reuters/Naby

Geophysikalische Gutachten zweier US-amerikanischer Universitäten, darunter der Stanford-Universität, hätten "starke Beweise" erbracht, dass ein Erdbeben den Untergang ausgelöst haben könnte, sagte der 53-Jährige. "Die Wände sind zusammengefallen wie beim Domino."

Das antike Herakleion lag an der Mündung eines später versandeten Nilarmes. Die griechische Mythologie berichtet vom Spartanerkönig Menelaos, der seine Heimreise in Herakleion unterbrach, nachdem er seine Ehefrau Helena in Troja zurückerobert hatte.

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Zu den Luxus-Städten an der Nilmündung gehörten auch Canopus und Menouthis mit dem berühmten Isis-Tempel. In der Antike zogen die Orte wie magisch Pilger an, die Heilung suchten oder das Orakel befragten.

Auch das versunkene Canopus hat Goddio jetzt vermessen. "Sehr beeindruckend" seien die bis zu 90 Meter langen und drei Meter dicken Mauern, sagte Goddio. "Die Sandsteinblöcke sind mehr als einen Meter hoch und bis zu 80 Zentimeter breit." Zu den Fundstücken gehören auch Statuen, Sphinxen, Keramik, Münzen und Schmuckstücke.

Foto: Reuters/Naby

Während ihrer Tauchgänge bargen die Unterwasserarchäologen auch fehlende Stücke des berühmten schwarzen Granitschreins "Naos der Dekaden". Das Dachstück, ein pyramidenförmiger Granitblock, wurde bereits 1777 entdeckt und ist im Pariser Louvre ausgestellt. 1940 fanden Taucher die Rückseite und die Grundplatte des Tabernakels. Diese stehen im Museum von Alexandria.

Die jetzt von Goddio aufgespürten Fragmente erlauben nach den Worten des französischen Professors Jean Yoyotte vom College de France die fast vollständige Rekonstruktion des einzigartigen Bauwerkes von "außergewöhnlicher Bedeutung". Die Ägypter hatten den Lauf von spezifischen Sternen über den Nachthimmel festgehalten und die Auswirkungen auf Mensch, Tier und Wohlbefinden beschrieben. Während der Christianisierung wurde die steinerne Kapelle wegen Götzenanbeterei und Aberglaubens zerschlagen und verstreut. (APA/dpa)

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