Von der Anbetung des Mondes und dem Leben auf dem Mars

14. Mai 2006, 19:52
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Venezuelas Präsident Chávez gefiel sich in der Rolle des "bösen Buben" - Boliviens Präsident Morales: "Wir brauchen Hilfe"

Wien - Der Bub mit dem roten Tuch samt Che-Abbild auf dem Kopf beäugt seine Kokablatt kauenden Eltern. Eine bolivianische Musikgruppe bereitet sich zum Trommeln vor. Evo Morales und Hugo Chávez sitzen auf dem Podium und kauen auch. "Fidel, unser Großvater, isst auch gerade ein Kokablatt", behauptet der bolivianische Präsident.

Der ehemalige Kokabauer, der sich für die Ausweitung des legalen Kokaanbaus in Bolivien einsetzt, erzählt, er habe schon 1995 versucht, bei der UNO in Wien über die Pflanze zu sprechen. Damals habe man ihn nicht gelassen. "Ich werde mit einem Kokafeld antworten und zusätzlichen Hektar Land." Bolivien sei bereit für die landwirtschaftliche Revolution.

Politischer Tourismus

Toben im Saal. 1300 Besucher sind zum Abschluss des Alternativengipfels am Samstagnachmittag in die Wiener Stadthalle gelassen worden. Das Treffen der Staats- und Regierungschefs bezeichnet der venezolanische Präsident Chávez vor seinen Fans abfällig als "politischen Tourismus". "Wenn es nur darum geht, den Vollmond in Wien zu besingen. Mit mir nicht!", sagt er, obwohl er selbst noch Freitagnacht vor 5000 Besuchern in der Wiener Arena den Vollmond ausgiebig angebetet hatte.

Morales - weit weniger romantisch - spricht indes vom Geld. "Wir benötigen Hilfe. Es fehlen uns im Budget 200 Millionen Dollar." Und Chávez helfe. Es sei aber nicht richtig, dass er dessen Marionette sei. "Was für eine Lüge!" Chávez, der Linkspopulist aus dem ölreichen Norden, nickt. Nur kurze Zeit später lässt er allerdings unmissverständlich wissen, dass er von Morales erwartet, dass dieser die Andengemeinschaft, aus der Venezuela bereits ausgetreten ist, ebenfalls verlässt. Auch Jesus Christus habe schon gesagt, die Toten sollten ihre Toten begraben, so Chávez. "Er wird dort als Toter auftreten."

Wenige Stunden zuvor hatte der peruanische Präsident Alejandro Toledo noch versucht den Andenpakt zu retten und Bolivien im Boot zu halten. "Ich werde Morales mit offenen Armen und offenem Herzen treffen", meinte er noch am Samstagvormittag. Doch Morales tauchte bei dem geplanten Gespräch zu Mittag einfach nicht auf. Und Chávez kündigte dann am Nachmittag an: "Wir werden eine neue bolivarische Allianz der Andenländer gründen."

Vierter Weltkrieg

Der Großteil seiner Rede war wie schon in den Tagen zuvor dem Kampf gegen den "US-Imperialismus" gewidmet. Und auch die Parolen blieben dieselben: "Jedes Schwein findet seinen Schlächter", meinte er in Anspielung auf die USA. Das Imperium habe "uns in den vierten Weltkrieg getrieben. Zu diesem Zeitpunkt fallen Bomben über Bagdad."

Er selbst wolle aber die Rolle des bösen Buben behalten. "Wir sind die Achse des Bösen, wir sind auf der schwarzen Liste der Gringos." Dann gerät er wieder ins Fabulieren: Auf dem Mars habe es vielleicht einmal Leben gegeben, schließlich drehe der sich 24 Stunden am Tag. Und wenn die kapitalistische Zerstörung so weitergehe, dann werde auch das Leben auf dem Planeten Erde verschwinden. Nach zweistündiger Rede ist der Saal halb leer. "Der hört sich wohl selbst gern reden", sagt eine Besucherin. (awö, cms/DER STANDARD, Printausgabe, 15.5.2006)

  • Der bolivianische Präsident Evo Morales und sein Freund und Vorbild, der venezolansiche Staatschef Hugo Chávez, wurden in der Stadthalle wie Popstars gefeiert.
    foto: standard/robert newald

    Der bolivianische Präsident Evo Morales und sein Freund und Vorbild, der venezolansiche Staatschef Hugo Chávez, wurden in der Stadthalle wie Popstars gefeiert.

  • "Fidel, Fidel"-Chöre beschworen den nicht anwesenden Kubaner Castro. Die Fans des linkspopulistischen Hugo Chávez kamen auf ihre Rechnung: Er redete zwei Stunden.

    "Fidel, Fidel"-Chöre beschworen den nicht anwesenden Kubaner Castro. Die Fans des linkspopulistischen Hugo Chávez kamen auf ihre Rechnung: Er redete zwei Stunden.

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