Die Fachkarriere als Perspektive

23. Juni 2006, 16:40
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Die Branche saugt junge Programmierer und Systemingenieure an. Wohin können sie sich entwickeln? Expertenrunde hat dazu viel zu sagen und viel anzubieten

Wie können Unternehmen ständig neues Wissen integrieren, ohne die langfristigen Wissensträger zu verlieren? Die Expertenrunde hat dazu viel zu sagen und viel anzubieten. - Übergreifende Profile, Fachkarrieren, markt- und branchenorientiertes Wissen - das sind die Chancen. Da sind die Führungskräfte gefordert.

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Eine paradoxe Situation, attestiert Daniel Marwan, Geschäftsführer des IT-Spezialisten ePunkt Internet Recruiting, dem Stellenmarkt in der IT: Die Branche sauge "massenweise" junge Programmierer und Systemingenieure an, weil die Halbwertzeit des Wissens in diesen Technologien extrem kurz sei und Älteren das aktuelle Update kaum zugetraut werde. Gleichzeitig sei Erfahrung gefragt, interdisziplinäres Denken und Arbeiten, dazu die ganze Palette der Soft Skills.

Was machen diese Jungen in 20, 30 Jahren? Wohin können sie sich entwickeln?

Die versammelten Unternehmensvertreter hatten darauf klare Antworten: "Employability ist gerade bei Technikern besonders wichtig, eben weil sich das Karussell immer schneller dreht", so Joachim Burger, Director Human Resources und Mitglied der Geschäftsleitung T-Systems Austria. Aber Burger lässt auch die andere Seite nicht aus der Verantwortung: "Führungskräfte sind diesbezüglich extrem gefordert. Techniker wollen heute Klarheit über ihre Entwicklungsperspektiven." Sein Unternehmen sieht er diesbezüglich auf einem guten Weg. Das Umdenken in Richtung Aufwertung der Fachkarriere sei schon da. Um Gehaltssprünge zu lukrieren, müsse man nicht mehr ins Management aufsteigen, auch Benefits würden heute bereits anders eingesetzt.

Susanne De Cillia, Personalleiterin der Frequentis: "Die Perspektive ist die Fachkarriere." Zwar liege, stimmt sie zu, viel in der Eigenverantwortung, aber Unternehmen müssten entsprechende Optionen anbieten. Das mache Firmen erst attraktiv für Techniker - vor dem Hintergrund eines strukturellen Technikermangels.

Thomas Hohenauer, Österreich-Geschäftsführer beim IT-Dienstleister TietoEnator, sieht diese Optionen auch in der Entwicklung der IT: Sie sei wesentlich multipler geworden und verlange Know-how aus den verschiedensten Wirtschafts- und Industriebereichen. Hohenauer: "Das forcieren wir. Die IT-Spezies reinen Wassers gibt es nicht mehr. Mitarbeiter als fix fertige Produkte gibt es auch nicht." Gefragt sei kombiniertes, interdisziplinäres Wissen - und die Förderung dessen führe in die Aufwertung der so genannten Fachkarriere. Diese Entwicklungsorientierung liegt wohl auch im eigenen Interesse, denn: Wohin mit einem teuer eingekauften Fachmann, der in drei Jahren als solcher nicht mehr gebraucht wird, weil er von den technologischen Entwicklungen überholt wurde?

Insgesamt sieht Hohenauer seine Branche auf dem Weg in Richtung "Normalität", also in einer Entwicklungsphase nach den großen Hypes und Spikes.

Für Michael Würzelberger, Personalleiter und Prokurist der Raiffeisen Informatik, ist "wissensorientierte Unternehmensführung" der Schlüssel zum Erfolg für Unternehmen in der IT und die beschäftigten Menschen. Dazu brauche es ein neues innerbetriebliches Setting: kurze Wege, flache Hierarchien, die adäquate räumliche Infrastruktur. Würzelberger: "Das bedeutet: ein Transformationsprozess für die Unternehmen." Wer diese Aufstellung möglich mache, sei dann auch attraktiver Arbeitgeber für technische Fachkräfte. Fachkarriere definiert er so: "Die Weitergabe von Wissen im Unternehmen ermöglichen, die Moderation von interdisziplinären Wissenskulturen aufbauen. Das sind auch die Qualitäten der älteren Mitarbeiter, so können sie für beide Seiten nutzbringend eingesetzt werden."

Und das Zusammenspiel von Jung und Alt?

Würzelberger: "Es geht um eine strukturierte Integration. Wir arbeiten da sehr intensiv daran, auch mit Mentoring-Programmen." Er ist überzeugt davon, dass sich die Problematik von Jung/Alt so entschärfen lässt. "Das funktioniert aber nur dann, wenn die Älteren keine Angst haben müssen, dass sie ihren Job verlieren", fügt Hermann Sikora, Geschäftsführer der GRZ-IT Gruppe an.

Er ergänzt die schon zitierten Social Skills, die erwartet werden, noch um Prozess-und Projektmanagement-Wissen. Und er warnt: "Wir müssen extrem aufpassen, dass wir nicht in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft geraten. Auf der einen Seite jene, die Bestandssysteme pflegen, auf der anderen Seite jene, die neue Systeme machen." Zur Erinnerung meint er: "Kein Paradigma hat je ein anderes völlig abgelöst, wir sehen Ergänzungen."

Hohenauer ist ganz bei den beiden: "Wir werden ein riesiges Problem bekommen, wenn wir Wissen, Ausbildungen, nicht weitergeben." Denn, so die Runde, vor dem Hintergrund des chronischen Mangels an Technikern treffe die in zehn Jahren erwartete Wirksamkeit des demografischen Knicks die IT-Anbieter und IT-Dienstleister besonders hart. Alle bemängeln den geringen Anteil an Frauen, die für die IT verfügbar sind. Alle wünschen sich zuallererst gemischte Teams.

Burger: "Der Weg führt nur über Offenheit und Förderung." Die Aufgaben, erwartet er, würden nicht nur komplexer, sondern auch immer interdisziplinärer. Er zitiert etwa Ärzte in der T-Systems, die für die IT in Gesundheitseinrichtungen verantwortlich seien. "Balance" ist für De Cillia das Motto: "Die Bereitschaft muss groß sein, denn die Erwartung ist es auch."

Und was bedeutet das extrem hohe Anforderungsprofil bei gleichzeitig extremer Knappheit des Angebots? "Entweder wir bieten mehr in der Weiterbildung oder wir zahlen mehr Gehalt", so Würzelberger kurz. Burger merkt an, dass die Gehälter in der IT ohnedies besonders stark variierten, statistische Mittelwerte daher minder aussagekräftig seien. Aber: Natürlich seien die Verdienstchancen groß. Sikora warnt diesbezüglich Junge vor All-In-Verträgen: "Da lassen sich viele blenden."

In jedem Fall, appelliert Marwan, der für sein Recruiting auch im Pool der "Frustrierten" fischt: Die Menschen müssen in den Unternehmen mehr gepflegt werden. Da ortet er vielerorts Defizite. (Der Standard, Printausgabe 13./14.5.2006)

Von Karin Bauer

Es diskutierten:

Joachim Burger, Director Human Resources T-Systems Austria

Susanne De Cillia, Personalleiterin der Frequentis Flugsicherungs-
technologie

Thomas Hohenauer, Geschäftsführer Tieto Enator Austria

Daniel Marwan, ePunkt Internet Recruiting

Hermann Sikora, Geschäftsführer des IT-Dienstleisters GRZ-IT Gruppe

Michael Würzelberger, Personalleiter & Prokurist Raiffeisen Informatik
  • Unternehmen legen vor, was sie anzubieten haben, was sie für Techniker attraktiv macht - das Karrierenforum zur IT.
    foto: christian fischer

    Unternehmen legen vor, was sie anzubieten haben, was sie für Techniker attraktiv macht - das Karrierenforum zur IT.

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