"Wir haben noch nicht alles begriffen!"

19. Mai 2006, 22:56
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Gibt es immer noch Details, die am Jahrhun­dertbestseller "The Da Vinci Code" verwirren oder gar verstören? Hier kommt Hilfe

Einträge ins große STANDARD-Sakrilexikon, rechtzeitig zum Filmstart Ende nächster Woche.


Abendmahl, das letzte:
Auf dem Gemälde von Leonardo da Vinci sieht Dan Brown vor lauter Codes die Jünger nicht mehr. Zwischen Jesus und Johannes klafft eine Lücke, die unverhohlen so interpretiert wird, wie Arno Schmidt die Landschaften bei Karl May verstanden hat: genitalsakral. Der Lieblingsjünger wird von den Codologen zur Frau erklärt. Maria Magdalena sitzt mit am Tisch. Da Vinci hätte nach dieser Interpretation die offizielle kirchliche Lehre ignoriert und die historische Wahrheit über Jesus und Maria Magdalena enthüllt. Das Gemälde von Leonardo wurde seither selbst zum Gegenstand der Kunstgeschichte. Andy Warhol hat es in einem seiner Bilder verwendet. Die Werbung hat das Abendmahl mit nackten oder weiblichen Jüngern nachgestellt, es gibt auch eine Version, in der Jesus eine Frau ist. Siehe Weiblichkeit.

Code:
Geheime Botschaft, die der Entzifferung bedarf. ",Das sind fünffüßige Jamben!' platzte Teabing heraus. ,Und die Verse sind englisch. La lingua pura.'"

Faröer:
Die beiden Kinos auf den Faröer-Inseln werden The Da Vinci Code nicht ins Programm nehmen, um die religiösen Gefühle der 48.000 Einwohner, von denen 90 Prozent evangelische Gläubige sind, nicht zu verletzen. Jakob Eli Jakupsen, einer der beiden Kinobetreiber, bezeichnet den Film als "gotteslästerlich". Auch der Monty-Python-Film Das Leben des Brian sei seinerzeit auf den Faröer-Inseln nicht gezeigt worden.

Gral, heiliger:
Motiv der mittelalterlichen Epik, mit untergründigen Verbindungen bis in die Urkirche. Der Kelch, in dem Jesus beim letzten Abendmahl den Wein herumgereicht hat, ist auf dem Gemälde von Leonardo entweder gar nicht oder dreizehnmal drauf. Die codologischen Probleme, die daraus erwachsen, werden bei Dan Brown radikal gelöst: ",Nicht was er ist', sagte Teabing leise und eindringlich. ,Der Heilige Gral ist kein Gegenstand. Er ist ein Mensch.' Langdon nickte. ,Eine Frau, um genau zu sein.'" Vergleiche dazu als skeptische Gegenposition von Richard Wagner: "Was ist der Gral? - Das sagt sich nicht." Siehe Weiblichkeit.

Hanks, Tom:
Hollywood-Schauspieler, bekannt aus Forrest Gump, Philadelphia, Schlaflos in Seattle. In der Rolle des Symbolologen Robert Langdon wird er zum Jäger des verlorenen Codes. "Atbasch ist der Schlüssel, aber uns fehlt das Schloß."

Ironie, grundlegende:
"Hier stoßen wir auf die grundlegende Ironie des Christentums!" Siehe Teabing, Sir Leigh. ",Abrakadabra?', blödelte Teabing und zwinkerte ihr zu."

Maria Magdalena:
Ehefrau von Jesus von Nazareth. Gegenfigur zur Gottesmutter Maria. Kommt als Prostituierte aus einem der anstößigen Berufe, deren Vertreter Jesus gesellschaftsfähig gemacht hat. Mutter des gemeinsamen Kindes. "Störfaktor" (Dan Brown) in der Kirchengeschichte. Sie war auch schon Figur des Anstoßes in der Kontroverse um Martin Scorseses Die letzte Versuchung Christi. Dort hat der sterbende Jesus auf dem Kreuz eine Vision mit Kleinfamilie und ohne Erlösung, aber auch ohne Geheimgesellschaft.

Michael, Schwester Mary:
Katholische Nonne, die während der Dreharbeiten zum dem Film Der Da Vinci Code im britischen Lincoln zwölf Stunden lang vor der anglikanischen Kathedrale auf Knien protestierte. Der Kanzler der Kathedrale, Dr. Mike West, bezeichnete das Buch von Dan Brown als "häretisch" und "historischen Unsinn". Alec Knight, der Dekan der Kathedrale, nannte das Buch "einen Haufen Quatsch". Siehe Weiblichkeit.

Mona Lisa:
Berühmtes Gemälde, an dem die Wissenden nicht übersehen, dass die Mona Lisa den Betrachtern ihre linke Wange hinhält. Sie gilt als die "majestätische" Wange, während der Kunsthistoriker Frank Zöllner diese Woche in der Zeit darauf hinweist, dass die Mona Lisa, weil sie eine Frau im 16. Jahrhundert war, ihre "heraldisch geringere" Seite zeigt. Siehe Weiblichkeit.

Tautou, Audrey:
Französischer Filmstar. Spielt in The Da Vinci Code Sophie Neveu, Enkelin des ermordeten Direktors des Louvre.

Teabing, Sir Leigh:
Im Film gespielt von Sir Ian McKellen, im Buch auch eine wichtige Figur mit viel Text, von dem Sophie Neveu "der Kopf schwirrt". Teabing vertritt eine Kaiserbetrugstheorie. "Das Neue Testament, wie wir es heute kennen, geht auf den Heidnischen römischen Kaiser Konstantin den Großen zurück." Der Kaiser suchte sich das Christentum aus praktischen Gründen als Staatsreligion aus, und ließ auf dem Konzil vom Nizäa erfolgreich über die Göttlichkeit Jesu abstimmen. Siehe Ironie, grundlegende

Sony:
Die produzierende Firma Sony Pictures, zugleich der Verleih des Films The Da Vinci Code, tut so, als wäre der Code noch ein Geheimnis. Deswegen gibt es Vorführungen für die Presse erst einen Tag vor dem Start. Überhaupt geht es sehr konspirativ zu. Am 17. Mai findet bei den Filmfestspielen in Cannes die Weltpremiere statt. Der Film von Ron Howard hat 100 Millionen Dollar gekostet und ist 148 Minuten kurz (das Buch hat knapp über 600 Seiten). Es ist davon auszugehen, dass die Mehrheit der Besucher in diesem Fall das Buch schon gelesen ("verschlungen") hat.

Sion:
Die Bruderschaft vom Berg Zion taucht in Dan Browns Buch als esoterischer Geheimbund auf, der die Wahrheit über Jesus Christus überliefert (und über die Ahnenreihe Bescheid weiß). Die Prieuré de Sion lässt sich mit einiger historischer Freiheit bis ins Mittelalter zurückverfolgen, ist aber in erster Linie eine nationalkatholische französische Speziallehre aus dem 20. Jahrhundert, die den Merowingern eine direkte Abstammung von Jesus zuschreibt (und Frankreich dadurch größere Freiheit von Rom, und eine Sonderstellung in der Welt). Vergleichbar den Illuminaten aus Dan Brown erstem Robert-Langdon-Roman vertreten die Brüder von Sion einen Weg der Erleuchtung, der in diesem Fall zum Gral führen soll. "Wir haben noch nicht alles begriffen, in den Zeilen ist noch mehr versteckt, nur sehen wir es nicht." (Sophie Neveu)

Stilprobe:
"Als Vernet in dieser Nacht im makellosen Seidenanzug durch die unterirdischen Flure seines Bankinstituts eilte, war er erst sechseinhalb Minuten wach, doch er sah aus wie aus dem Ei gepellt. Im Laufen sprühte er sich Atemspray in den Mund und zupfte den Knoten seiner Krawatte zurecht. Er war es gewohnt, aus dem Schlaf gerissen zu werden, um sich der internationalen Kundschaft zu widmen, die aus den verschiedensten Zeitzonen der Welt angereist kam. Praktischerweise hatte Vernet die Schlafgewohnheiten der Massai-Krieger angenommen, eines afrikanischen Stammes, der dafür berühmt war, dass die Männer nach dem Erwachen aus tiefstem Schlaf binnen Sekunden in hellwacher Kampfbereitschaft befanden." Siehe Ironie, grundlegende

Symbolologie:
Wissenschaftliche Disziplin, die schon durch ihren Titel verrät, dass sie auch lologische Ableitungen als vernünftig anerkennt. Vgl. Ikonolophie, Semioturgie, Gralgebra.

Weiblichkeit:
Untergründige, durch Vulva-Symbolologie mit dem Gral assoziierte historische Macht, der durch Dan Brown zum Durchbruch verholfen wird. "Ehrfürchtig kniete Robert Langdon nieder. Den Bruchteil einer Sekunde glaubte er eine weibliche Stimme zu hören . . . das Flüstern uralter Weisheit, das aus den Tiefen der Mutter Erde zu ihm drang." (DER STANDARD, Printausgabe, 13./14.5.2006)

Von Bert Rebhandl
  • Grundgütiger! Zu "Sakrileg" gibt es dereinst vielleicht
mehr Auslegungen als zu den Zehn Geboten.
    fotomontage: standard/lux

    Grundgütiger! Zu "Sakrileg" gibt es dereinst vielleicht mehr Auslegungen als zu den Zehn Geboten.

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