Katzian will nur eine Gewerkschaft

13. Juni 2006, 21:29
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GPA-Chef im STANDARD-Interview für Auflösung der acht Teilgewerkschaften: "Wieso gerade acht? Kann man aus denen nicht etwas Gemeinsames machen?"

Wolfgang Katzian, Chef der GPA, will die Teilgewerkschaften abschaffen. Denn: Nur ein starker vereinter ÖGB könne dem Lobbyismus der Industrie in Brüssel etwas entgegensetzen. Gehaltsobergrenzen für die ÖGB-Spitze hält er für sinnvoll, sagte er zu Eva Linsinger.

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STANDARD: Wie viele Mitglieder haben Sie seit dem Bawag- Skandal verloren?

Katzian: Eine vierstellige Zahl. Ich verstehe, dass Menschen das Gefühl haben, sie sind verraten worden. Ich war selbst von den Socken. Ich habe geglaubt, ich bin im falschen Film. Mein Vater ist 71, war sein Leben lang Gewerkschafter in einer Fabrik, frage nicht, was ich mir anhorchen habe müssen. Auch für mich war unvorstellbar, dass Einzelne Haftungen mit dem Geld der Gewerkschaftsmitglieder übernommen haben.

STANDARD: War also die Entlassung Fritz Verzetnitschs fair?

Katzian: In Anbetracht der Situation ja. Mehr will ich dazu nicht sagen.

STANDARD: Wie kann der ÖGB Vertrauen zurückgewinnen?

Katzian: Erstens geht es um Aufarbeitung: Welche Rahmenbedingungen gab es in der ÖGB-Führung, dass so etwas möglich war? Da muss ein Klima geherrscht haben - wenn man das nicht aufarbeitet, kann so was wieder passieren.

STANDARD: Ein Klima verfeindeter alter Männer?

Katzian: So würde ich das nicht sagen. Die GPA ist ein bunter Haufen, die Berufspalette reicht von der Verkäuferin bis zum Manager Raidl, das bringt eine andere Diskussionskultur. Bei uns dauert eine Vorstandssitzung zwei Tage, bei anderen Gewerkschaften drei Stunden. Das lehrt mich einiges fürs jetzige Krisenmanagement. Wir brauchen eine öffentliche Diskussion. Sich in Gremien einzubunkern wäre der falsche Weg. Wir müssen die Reformdiskussion breit anlegen.

STANDARD: Und einfache Mitglieder abstimmen lassen?

Katzian: Man braucht sich grundsätzlich vor Mitgliedern nicht fürchten. Aber man muss immer abwägen, welche Fragen man stellt. Am 23. Mai fällt der Reform-Startschuss.

STANDARD: Das ist zwei Monate nach Verzetnitschs Rücktritt - wenn die Reform in dem Tempo weitergeht, dauert sie Jahre.

Katzian: Sicher ist manches ein bisschen langsam. Aber die Situation war nicht einfach. Wir müssen jetzt Boden unter den Füßen bekommen.

STANDARD: Soll man Teilgewerkschaften abschaffen?

Katzian: Würden wir den ÖGB heute gründen, würden wir nicht acht Teilgewerkschaften bauen. Denn: Wieso gerade acht? Kann man aus denen nicht etwas Gemeinsames machen? Zwei Drittel aller Entscheidungen fallen heute auf EU-Ebene. Daher braucht der ÖGB Internationalität. Wenn man unsere Leute bündelt, hätten wir die Chance, dem Lobbyistentum der Industrie in Brüssel etwas entgegenzusetzen. Wir hätten die Chance, stärker an Vernetzung mit Gewerkschaften in Europa zu arbeiten. Da sind wir erst am Anfang. Das ist eine essenzielle Aufgabe der Zukunft.

STANDARD: Bei dem Modell fürchten viele um Einfluss.

Katzian: Ich will ja nicht alles wegschmeißen. Ich habe nur den Ehrgeiz, aus Vorhandenem etwas Neues, Starkes zu bauen. Gut möglich, dass ich mich als Chef einer Teilgewerkschaft weg rationalisiere. Wir hatten GPA-Vorstand, viele befürworten diese Art Neugründung. Andere sind skeptisch, ob das möglich ist.

STANDARD: Kein Wunder: Selbst in der Krise verfiel der ÖGB sofort in Blockade-Muster.

Katzian: Ich sage Ihnen ehrlich: Ich wurde immer wieder als Kandidat genannt, aber ich habe mich an den Spielen nie beteiligt. Jetzt muss man schauen, in welche Richtung geht der ÖGB. Dann muss man diskutieren, wer was macht.

STANDARD: Soll Hundstorfer nach 2007 ÖGB-Chef sein?

Katzian: Er macht engagiertes Krisenmanagement. Jetzt kommt es darauf an, Reformen auf die Schiene zu bringen. Wenn er das gut macht, spricht nichts gegen ihn.

STANDARD: Ist eine Doppelspitze mit Mann/Frau sinnvoll?

Katzian: Das ist ein interessanter Denkansatz.

STANDARD: Sie haben ein Nationalratsmandat. Soll die ÖGB- Spitze im Parlament sitzen?

Katzian: Es muss möglich sein, dass Spitzenfunktionäre Mandate haben. Jemand aus der dritten Reihe hat nicht das Gewicht, auf die Gesetzgebung einzuwirken. Wobei sich mein Politikverständnis nicht aufs Parlament beschränkt: Die GPA war Gründungsmitglied von Attac, wir brauchen auch Zusammenarbeit mit NGO’s.

STANDARD: Vorerst braucht der ÖGB Sparkurse. Sollen Beteiligungen verkauft werden?

Katzian: Das muss jede Teilgewerkschaft entscheiden. Wir in der GPA haben unsere Heime verkauft, weil die Nachfrage der Mitglieder nicht rasend war. Wir haben die Wohnbauvereinigung, die ist am Gasometer beteiligt, auch an einer Shopping-Mall. Wir werden zum richtigen Zeitpunkt aus dem Mall-Engagement aussteigen. Aber ein moralisches Problem sehe ich dabei nicht.

STANDARD: Sehen Sie ein moralisches Problem bei den Gagen der ÖGB-Spitze?

Katzian: Wenn das ÖGB-Gehalt und Einkommen aus anderen Funktionen bestimmte Höhen erreicht, ist es sinnvoll, eine Obergrenze einzuziehen. Wo, das weiß ich noch nicht. Auf jeden Fall müssen wir eine klare Regelung machen. Und uns daran halten. (DER STANDARD, Printausgabe 13./14.5.2006)

Zur Person

Der Niederösterreicher Wolfgang Katzian (49) arbeitete in der Länderbank und begann 1977 als Jugendsekretär in der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA). Dort arbeitete er sich hoch und beerbte im April 2005 Hans Sallmutter als GPA-Vorsitzender. Seit März, seit dem Rücktritt von Fritz Verzetnitsch, sitzt er im Nationalrat.

  • GPA-Chef Katzian bescheinigt Hundstorfer "engagiertes Krisenmanagement" - ob er nach 2007 bleiben solle, komme darauf an, ob er die Reformen auf Schiene bringen könne.
    foto: christian fischer

    GPA-Chef Katzian bescheinigt Hundstorfer "engagiertes Krisenmanagement" - ob er nach 2007 bleiben solle, komme darauf an, ob er die Reformen auf Schiene bringen könne.

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