Der Schock ist nicht gewichen

16. Mai 2006, 18:26
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Mütter von Selbstmordattentätern nach dem Tod ihrer Kinder: Kein Stolz, sondern Trauer, Wut und Depression

Am Morgen des 22. Septembers 2004 klagt Zeinab Abu Salem über Rückenschmerzen. Sie werde zum Arzt in Nablus gehen, sagt sie ihrer Mutter und verlässt das Haus im Al- Askar-Flüchtlingslager im Westjordanland. Stunden später dreht ihre Mutter Sahar den Fernseher an. Ein Selbstmörder hat sich in Jerusalem in die Luft gesprengt und dabei zwei Polizisten getötet und 16 Personen verletzt. Beim Selbstmörder handle es sich um eine Frau, berichten die Reporter. Sahar schaltet den Fernseher aus und geht in die Küche, um das Abendessen für ihren Mann und die Töchter vorzubereiten.

Kurz nach sechs Uhr klopfen Menschen aus dem Lager heftig an ihre Tür. "Die Israelis werden kommen. Sie werden euer Haus sprengen", sagen sie zu Sahar. Sie drängen ins Haus, beginnen Möbel, Kleider und Teppiche aus dem Haus zur räumen. Die Mutter schaut dem Treiben zu – stumm. Sie kann nicht glauben, was sie gerade gehört hat: "Deine Tochter ist eine Selbstmordattentäterin."

Das Foto

Um drei Uhr nachts klopfen israelische Soldaten an die Haustür. Sie betreten das Wohnzimmer und zeigen der Mutter ein Foto: Zeinabs Kopf, in den weißen Schleier gehüllt, den sie am Morgen umgebunden hatte, liegt unversehrt auf dem Pflaster. Der Körper wurde von der Explosion abgetrennt. Sahar fällt in Ohnmacht. Während sie ins Spital gebracht wird, sprengen die Soldaten das Haus in die Luft.

Kommen Mütter wie Sahar in die Medien, sprechen sie oft davon, stolz auf die Tat ihrer Kinder zu sein. Wer Mutter eines Selbstmörders ist, der hat stolz darauf zu sein. Die Frauen haben keine Wahl. Nur in stillen Momenten, dann, wenn die Fernsehteams längst abgezogen sind und die offizielle Trauerzeit vorüber ist, befreien sich die Mütter aus den vorgeschriebenen Verhaltensnormen. Sie werden traurig, wütend, depressiv.

Eineinhalb Jahre nach Zeinabs Selbstmordanschlag liegt die Schwermut wie ein Teppich auf ihrer Mutter. Sahar sitzt zusammengesunken auf einer Couch im kahlen Wohnzimmer des wieder aufgebautes Hauses, Kopf und Oberkörper in einen langen Gebetsschleier gehüllt, die Arme fest um den Körper geklammert. Der Schock ist nicht mehr aus ihr gewichen. Im Flüchtlingslager sagt man, Sahar habe den Verstand verloren.

Kein Platz für die Trauer

Das Schlimme ist, sagt ihre Schwägerin Salwa, dass sie keinen Ort zum Trauern hat. Die Israelis haben die Überreste des verstümmelten Körpers zurückbehalten, wie meistens in diesen Fällen. Sahar konnte ihre Tochter nur symbolisch beerdigen. Die Mitglieder der Al-Aksa-Brigaden, der militanten Organisation, die sich zum Anschlag ihrer Tochter bekannt hatte, hatten einen leeren Sarg geschultert, ihn in eine palästinensische Flagge gehüllt und durch die Straßen getragen. Der Mutter brachten sie ein Poster, darauf ist Zeinab zu sehen, ein Gewehr wie ein Baby im Arm, am Rande kleinere Bilder von dem Anschlag und von Zeinabs abgetrenntem Kopf. Sahar hat die Bilder des Anschlags, den Kopf ihrer Tochter, aus dem Poster geschnitten.

Dem Vater gaben die Männer eine Telefonnummer und versprachen: Was immer ihr braucht, wir helfen euch. Die Telefonnummer war nach wenigen Tagen nicht mehr in Betrieb. "Von denen haben wir keinen mehr gesehen, als wir das Haus wieder aufbauen mussten." Der Vater wird laut, er flucht und er klagt über den Verlust des Geschäfts. Seine Frau schaut ihn an, vorwurfsvoll – und stumm.

Wie Zeinab in Kontakt mit den Al-Aksa-Brigaden kam und warum sie sich zu einer solchen Tat entschieden hat, ist für die Familie bis heute ein Rätsel. Nie habe Zeinab das Haus ohne ihre Mutter, ihre Schwestern oder die Tante verlassen. Sie sei eine gute Schülerin gewesen und wollte an der Universität Soziologie studieren. "Gott hat für alle ein Todesdatum vorgesehen, aber so dürfen wir nicht aus der Welt gehen", spricht Salwa für die schweigende Mutter. "Vielleicht", sagt sie leise, "war es das Gesetz: Gewalt erzeugt Gegengewalt."

Sterben ohne Schande

Das Haus der Abu Salems liegt an der Hauptstraße des Al-Askar-Flüchtlingslagers. Hier sind die israelischen Panzer und Jeeps, aus denen die Soldaten auf die verschachtelten Betonbauten schießen, immer zuerst. Auch Zeinabs Haus wurde immer wieder beschossen, besetzt, die Familie in den Keller gesperrt. Salwa sagt: "Wir wissen nicht, was in Zeinab vorging. Aber der Alltag hier ist Grund genug, um dieses Leben verlassen zu wollen." Sie schaut zur Mutter. Der Tod ist ein ständiger Begleiter im Westjordanland. Das Leben liefert viele Motive für ein Selbstmordattentat. Manche sprengen sich in die Luft, um ohne Schande aus einem unerträglichen Leben zu scheiden. Posthum genießen die Attentäter den Status eines Märtyrers, egal, ob es private oder politische Motive waren, die sie zum Selbstmordattentat führten. Die Menschen erzählen ihre Geschichten, hängen ihre Poster auf und stilisieren sie zu Helden. So werden sie zu Vorbildern, besonders für junge, manipulierbare Menschen.

Gleich neben dem Al-Askar-Flüchtlingslager, wo die Abu Salems wohnen, liegt auch das Balata-Flüchtlingslager. 22.000 Palästinenser leben hier zusammengedrängt auf einem Quadratkilometer Land. Eine geballte Zone des Widerstands. Arbeitslose, Bewaffnete, aus dem Gefängnis Entlassene hocken am Rand der einzigen staubigen Hauptstraße und rauchen. Die Kinder spielen mit Plastikgewehren. Ein Bub hält eine kleine Pistole an die Schläfe seines Freundes und ruft: "Bang, bang!"

Onkel als Vorbild

Zaki Altarawi spielte auch lange Zeit mit einem Plastikgewehr – "Araber gegen Israelis". Mit 15 Jahren tauschte er es gegen ein vollautomatisches Maschinengewehr. Man sagt, die Al- Aksa-Brigaden von Balata hätten es ihm gegeben. Vorher verbrachte Zaki seine Freizeit mit Büchern, Kriegsspielen am Computer oder mit seinem Onkel Ala, der ihm erzählte, wie man gegen die Israelis kämpfen muss. Wie führt man einen Anschlag durch? Wie baut man eine Bombe? Onkel Ala war in seinen Augen ein starker Mann, hat ein Leben lang gegen die Israelis gekämpft. Zehn Jahre haben sie ihn gesucht. Dann wurde er erschossen.

Zweieinhalb Monate später, am Morgen des 28. Novembers 2005, setzt sich Zaki auf die Bettkante und klemmt sich ein vollautomatisches Maschinengewehr zwischen die Beine. Wie man damit umgeht, hat ihm sein Onkel nicht mehr beibringen können. Aber Zaki hat zugeschaut und entleert jetzt das Magazin. Die geladene Patrone nimmt er nicht heraus. Er drückt den Abzug, die Kugel prallt an der Wand ab, dringt in seinen Kopf ein und verletzt ihn lebensgefährlich. Zaki wird ins Spital in Nablus gefahren, wo sein Vater, ein Krankenpfleger, die Türen des Ambulanzwagens öffnet, ohne zu ahnen, dass dort sein Sohn liegt. Die Ärzte sagen zur Mutter Naihaia noch: "Bloß eine Gehirnblutung." Aber sie weiß schon, dass sie ihren Sohn verloren hat.

Als sie nach seinem Tod verzweifelt sein Zimmer durchsucht, findet sie nicht nur das Gewehr, sondern auch eine Bombe. Sie findet säuberlich notierte Lebensläufe von Selbstmordattentätern und den Brief mit Zakis letzten Wünschen: "Weint nicht, denn Weinen ist die Waffe der Schwachen. Die Starken müssen ihr Land verteidigen. Der Anschlag ist das Mindeste, was ich machen konnte, um meinen Onkel Ala zu rächen." Nihaia weint. Einen Sohn zu verlieren, den ältesten Sohn, für den sie bereits Geld für sein Studium gespart hatte, das sei das Schlimmste, was einer Mutter passieren könne.

"Alle meine Freunde machen solche Fotos"

Drei Tage vor seinem Tod hatte Zaki ihr Fotos gezeigt, die er von sich hatte machen lassen: Sie zeigen einen Jugendlichen mit ernstem Blick, den schmächtigen Oberkörper in enger Jeansjacke, in jeder Hand ein Maschinengewehr und einem Gesichtsausdruck, als ob er die ganze Welt zum Kampf auffordern wollte. Die Mutter fragte: "Wieso machst du solche Fotos?", und Zaki antwortete: "Alle meine Freunde haben solche Fotos. Was ist falsch daran?" Nihaia weiß natürlich, dass Selbstmordattentäter Fotos und Bekennervideos hinterlassen, sie hatte keinen Zusammenhang gesehen. Ihr Sohn sei Klassenbester gewesen, habe studieren wollen. Hätte Nihaia etwas geahnt, sie hätte ihn gestoppt. "Er war noch ein Kind."

Einen Monat nach Zakis Tod nahm sie ihre Arbeit an der Schule wieder auf, aber Glück hat sie nie mehr empfinden können. Der Tod ihres Sohnes hat das Familienleben verändert. Entschuldigend klingen ihre Worte: "Ich habe versucht, nicht mehr zu weinen, meinem Mann und meinen anderen fünf Kindern eine gute Ehefrau und Mutter zu sein." Nihaias Mann sagt: "Früher habe ich mit meiner Frau ein Bett, ein Leben geteilt. Nun habe ich meinen Sohn verloren – und mit ihm meine Frau." Dass es so nicht weitergehen könne, klagt der Mann und Nihaia nickt. Sie wendet sich ab und sagt leise: "Es ist so schwierig zu gefallen, wenn alles Schöne tot ist."

Schwarz gekleidete Frauen strömen durch die Straßen Balatas in Richtung Friedhof. Ein stiller Trauerzug der Frauen, die Kinder verloren haben. Auch Nihaia hat sich dem Zug angeschlossen. Neben ihr geht Rabiha Harb, Mutter von zwölf Kindern, Mutter auch von Khalil, der von den Soldaten erschossen wurde und von Iyad, der sich aus Rache für den Mord an seinem Bruder vor einem Checkpoint in die Luft gesprengt hatte. Irgendwann würden die Israelis den Körper von Iyad vielleicht zurückgeben, sodass sie ihn begraben könne, hofft die Mutter.

Vier Jahre sind seit dem Tod der Brüder verflossen. Vier Jahre, in denen die Mutter nichts anderes gemacht hat, als den Koran zu lesen und sich vom Schock zu erholen. Ruhig steht Rabiha vor dem Grab ihres Sohnes Khalil und dem leeren Erdhaufen Iyads. Nur ihre Lippen formen sich immer wieder zur selben Sure, als ob sie sie schon tausendmal gesprochen hätte: "Glaubt nicht, dass die Märtyrer tot sind. Sie leben mitten unter euch." Neben Khalils Grabplatte ist noch ein Platz frei. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.05.2006)

Von Karin Wenger
  • "Er war noch 
ein Kind":  Eine Mutter am Grab ihres Kindes im Westjordanland. Posthum 
genießen die 
Attentäter den 
Status eines 
Märtyrers, egal, 
ob es private oder politische Motive waren, die zum Selbstmordattentat führten. Die Menschen stilisieren sie zu Helden, ihre Mütter werden 
wütend, depressiv - und stumm. 
Foto: Tobias Hitsch
    foto: tobias hitsch

    "Er war noch ein Kind": Eine Mutter am Grab ihres Kindes im Westjordanland. Posthum genießen die Attentäter den Status eines Märtyrers, egal, ob es private oder politische Motive waren, die zum Selbstmordattentat führten. Die Menschen stilisieren sie zu Helden, ihre Mütter werden wütend, depressiv - und stumm. Foto: Tobias Hitsch

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