Kraftvoll und mit viel Potential

14. Mai 2006, 17:30
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Mitten in der schönen Weinlandschaft der Südsteiermark hat ein gelernter Winzer eine alte Tradition mit neuen Erkenntnissen kombiniert – und ist jetzt Schnapsbrenner

Franz Tinnauer ist eigentlich Winzer. Das hat er zumindest – seinerzeit, als er noch jünger war, als er heute noch ist – in der Weinbauschule gelernt. Strategisch war das nicht unklug, schließlich nennen die Tinnauers auch heute noch schöne acht Hektar Weingärten ihr Eigen. Und das in guten, sehr guten, um nicht zu sagen Spitzenlagen. Alle in der Gegend, in der auch Weingärten von Sattler, Lackner-Tinnacher, Tement, Gross und anderen liegen.

Und trotzdem ist Tinnauer Schnapsbrenner. Im Hauptberuf. Die Trauben, die er erntet, werden an die Winzer verkauft, denen er vertraglich verbunden ist. Das Obst dagegen, das zwischen den Weingärten auf rund vier Hektar bester Lagen wächst, verarbeitet er zur Gänze selber. Das reicht zwar nicht für seine gesamte Produktion – immerhin wandern jährlich rund 80 Tonnen Frischobst in die Maischebhälter –, aber das eigene Obst ist die Basis des Tinnauerschen Betriebs.

Das richtige Obst…

„Beim Schnapsmachen kommt’s drauf an, das richtige Obst zum richtigen Zeitpunkt zu ernten – das ist zwar nur die Voraussetzung, aber ohne diese kann man keinen guten Schnaps machen.“ Sagt Franz Tinnauer und fährt fort: „Um dichte, körperreiche Brände herzustellen, braucht es die physiologische Reife der Frucht ebenso wie eine Technik, die dem Weinmachen ziemlich ähnlich ist.“ Also gekühlte Maischeführung, den richtigen Zeitpunkt für die Destillation wählen und die technischen Möglichkeiten haben, um sauber und mit möglichst wenig Aromaverlust destillieren zu können.

Diese Voraussetzungen sind im Tinnauerschen Betrieb vorhanden. Gepaart mit dem Know-how und der Erfahrung des Brenners entstehen dann die Brände der „Reserve-Linie“. Hier setzt Tinnauer auf Kraft und Konzentration. Junge und „nasige“ Schnäpse sind nicht so ganz seine Sache, denn was so überlaut und duftig riecht, hat inhaltlich zumeist wenig Kraft: „Diese nasigen Produkte sind alle nach ein paar Jahren tot,“ sagt der Brenner, und er sollte es eigentliche wissen. Immerhin ist Tinnauer schon lange genug in der Szene und hat an so vielen Verkostungen und Prämierungen teilgenommen, dass er dieses Urteil fällen darf.

…für Brände mit Rückgrat

Als Erkenntnis daraus macht er deshalb kraftvolle und langlebige Brände und fürchtet auch den Alkohol nicht: „Ich teile jedenfalls nicht die Meinung, dass Schnaps keinen Alkohol braucht. Ganz im Gegenteil: Der Alkohol bildet das Rückgrat des Brandes und ist der Träger aller Aromen.“ Das bedingt freilich, dass der frisch gebrannte Schnaps eine Zeit der Ruhe und Reife haben muss, um zu verestern und die Aromen schön auszubilden. Für die Brennerei bei Gamlitz heißt das zumindest drei Jahre Reifezeit, bevor der im Glas oder im Fass gelagerte Feinbrand abgefüllt und in Verkauf gebracht wird.

Knackige Körper…

Dann entstehen solch dichte und fruchtkonzentrierte Brände wie etwa die zwei Gravensteiner-Schnäpse des Jahrgangs 2002, die mit derart kraftvoll-wohlgeformten Körpern aufwarten, dass durchaus Assoziationen an ein Fotoshooting von knackigen Jungbauern ausgelöst werden können. Tinnauers Brände der Reserve-Linie weisen in keinem Fall weniger als 50 Volumsprozent auf, manche – wie der fassgereifte Apfelbrand – liegen bei 55 %vol, der Williamsbrand Reserve sogar bei 62 %vol. Letzterer ist dabei in einem noch so jugendlichen Stadium (Brennjahr 2005), dass ein Schluck davon den einen oder die andere wohl etwas zu erschrecken vermag, aber das Potential für ein langes, um nicht zu sagen ewiges Leben ist schon spürbar, wenn man eine Probe direkt aus dem Glasballon bekommt.

…und physiologische Reife

Überhaupt zeichnen sich die frisch gebrannten Destillate – wenn man sie direkt in der Brennerei verkostet – durch eine erstaunliche Harmonie und gut eingebundenen Alkohol aus. Das Geheimnis dafür liegt in einer neu entwickelten Maschine, die den Namen „Casco“ trägt und die auf schonende Art unerwünschte Bestandteile, insbesondere alle Vorlaufkomponenten, aus dem frisch gebrannten Destillat filtert. Aber Innovation muss in der modernen Schnapsbrennerei ebenso sein wie die physiologische Reife beim Obst und die Erweiterung des alten, traditionellen Horizonts ebenso wie die Erkenntnis, dass es auch für den Obstbau gute bis sehr gute Lagen gibt, und man diesem Umstand auch Rechnung tragen muss.

Alle Kraft dem Schnaps

Franz Tinnauer und seine Frau Margarete haben diese Erkenntnisse in ihrem Betrieb umgesetzt. Jetzt wachsen die Quitten inmitten von Weingärten und die Williamsplantagen stehen auf sonnigen Lagen im Steinbachtal. Darüber hinaus kann der Brenner aus dem Vollen schöpfen, wenn er zum Obst greift: zum Maschanzker-Apfel, einer regionalen Sorte, die im Streuobstbau zu Hause ist, zum Empire-Apfel aus dem Intensivobstbau, zur Birnenquitte, die Tinnauer als „Königin der Brände" bezeichnet, zur Himbeere, dem Holunder oder zu den Kriecherl, eine Wildpflaumenart und südsteirische Spezialität. Weingartenpfirsich, Weichseln, Mispeln, die Schlehe – als Brand ein „Must" für Liebhaber des Marzipangeschmacks. Die Vogelbeere oder die Tresterbrände aus Traminer und Zweigelt und der Weinhefebrand ergänzen das Angebot aus schönen und gereiften Schnäpsen.

So gesehen ist es nur logisch, dass die Tinnauers keinem Winzerbetrieb vorstehen, sondern ihr Herz und ihre Kraft dem Schnaps widmen. Mit wunderbarem Erfolg übrigens, denn die Umstellungen und die Investitionen rechnen sich schön langsam und die Perspektiven sind wie der Schnaps: glaubwürdig, kraftvoll und mit viel Potential.

Von Vene Maier

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Link

Fruchtbrennerei Franz Tinnauer
Steinbach 42
8462 Gamlitz

Tel. 03453/3607
Fax: 03453/3607-15
brennerei@
tinnauer.at


  • Franz Tinnauer im Obstgarten vor der Brennerei.
    foto: vene maier

    Franz Tinnauer im Obstgarten vor der Brennerei.

  • Schöne Aussichten von der Tinnauerschen Terrasse.
    foto: tinnauer

    Schöne Aussichten von der Tinnauerschen Terrasse.

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