Integrationshelferin: "Ähnliche Symptome wie Langzeitarbeitslose"

17. August 2006, 15:15
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Theodora Manolakos im derStandard.at-Interview über Probleme von Asyl­werberInnen und wie "First Aid in Integration" ihre Situation zu verbessern sucht

Das EQUAL-Projekt "First Aid in Integration", das im Juli vergangenen Jahres in Wien eingerichtet wurde, soll Flüchtlinge, während sie auf die Entscheidung ihres Asylverfahrens warten, in Qualifizierungs- und Berufsorientierungskursen für den österreichischen Arbeitsmarkt vorbereiten. Im Gespräch mit derStandard.at beschreibt Theodora Manolakos mit welchen Problemen AsylwerberInnen zu kämpfen haben und wie "First Aid in Integration" ihnen hilft.

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derStandard.at: Was sind die größten Probleme Ihrer KlientInnen?

Theodora Manolakos: Die Sprache und die Orientierung. Zur Sprache: Es wird ja immer gefordert, dass AusländerInnen Deutsch lernen sollen. Es gibt aber nur wenig geförderte Plätze und auch diese müssen zum Teil bezahlt werden. AsylwerberInnen bekommen in Wien 40 Euro Taschengeld im Monat, davon ist das sowieso nicht zu finanzieren.

Außerdem finden normale Deutschkurse nur einmal in der Woche statt. Da wir aber die Menschen auf den Berufsalltag vorbereiten wollen, geht es auch darum, dass sie einen Rhythmus in ihr Leben bekommen. AsylwerberInnen im erwerbsfähigen Alter entwickeln nämlich ähnliche Symptome wie Langzeitarbeitslose. Wenn sie mehrere Jahre zum Nichtstun gezwungen sind, haben die meisten keinen geregelten Tagesablauf mehr.

Deshalb haben sie gibt es für fünf Tage in der Woche einen ganz fixen und regelmäßigen Stundenplan. Von der formalen Abwicklung her werden die TeilnehmerInnen so behandelt, als ob sie angestellt wären, das heißt sie müssen auch bei Fernbleiben eine ärztliche Entschuldigung ab dem ersten Tag vorlegen.

derStandard.at: Sie sagten, der zweite Punkt sei Orientierung. Was wird ihnen da angeboten?

Manolakos: Orientierung in dem Sinn, wie Alltag bzw. Berufsalltag hier in Österreich funktioniert. Bislang haben sie diese Informationen bei der Beratung nicht bekommen, weil AsylwerberInnen ja nicht arbeiten dürfen.

Wir versuchen mit den TeilnehmerInnen gemeinsam eine realistische Zukunftsplanung zu erarbeiten: Was können sie ausgehend von ihren Vorkenntnissen, der Schulbildung und den Sprachkenntnissen hier machen?

Auch informieren wir darüber, wie in Österreich das Bildungssystem funktioniert. Wir haben auch sehr hochqualifizierte Menschen, die wir auf die Studienberechtigungsprüfung vorbereiten. Ein weiteres Problem ist die Anerkennung von Diplomen.

Neben den Kursen und Curricula schauen wir zum Beispiel, welche anderen Rahmenbedingungen es noch geben muss, damit die Menschen integriert werden können.

derStandard.at: Können Sie ein Beispiel nennen?

Manolakos: Eines davon ist Kinderbetreuung, denn es ist ja nicht selbstverständlich, dass AsylwerberInnen einen Kinderbetreuungsplatz bekommen - das ist schon für ÖsterreicherInnen schwer genug. Im Rahmen des Projekts ist es uns - auch im Sinne von Integration - gelungen, die Kinder in Kindergärten unterzubringen, und zwar nicht nur während des Kurses.

derStandard.at: Welchen Bildungsstand haben die Leute, die bei Ihnen am Projekt teilnehmen?

Manolakos: In jedem Fall müssen die KursteilnehmerInnen in einer Sprache – es muss nicht ihre Muttersprache sein – alphabetisiert sein.

Die TeilnehmerInnen haben alle in jedem Fall eine Grundschulausbildung. Unser Schwerpunkt sind Personen im vollerwerbsfähigen Alter, also zwischen 20 und 50 Jahren. Diese Gruppe hat im Herkunftsland schon eine gute, fundierte Ausbildung erhalten und bringt oft auch schon Berufserfahrung mit.

Wir haben eine Lebensmitteltechnologin, eine Atomphysikerin, dann ganz klassisch aus den ehemaligen sozialistischen Ländern Frauen in klassischen Männerdomänen, also Straßenbauingenieurinnen, Hoch- und Tiefbau-Ingenieurinnen. Wir haben aber auch ganz ausgefallene Berufe, zum Beispiel einen Blindenhund-Trainer aus der Ukraine. Da geht es dann darum zu schauen, wo er einen Beruf finden kann, beispielsweise im Katastrophenschutz.

derStandard.at: Nun dürfen AsylwerberInnen ja nicht arbeiten, was bringt das Projekt, wenn sie am Ende vielleicht abgeschoben werden?

Manolakos: Es ist dieser berühmte Tropfen auf dem heißen Stein, aber lieber ein Tropfen als gar nichts. Positive Aspekte des Projekts: Erstens einmal sind diese Leute zumindest sechs Monate in einem geschützten Raum. Wir schützen sie natürlich nicht vor einer Abschiebung, aber es gibt sehr wohl eine Legitimation, wenn sie sagen können, dass sie TeilnehmerInnen eines EU-Projektes sind.

Das zweite ist, dass sie wirklich eine fundierte Sprachausbildung erhalten. Wenn man fünf Tage die Woche unterrichtet wird, ist nach einem halben Jahr natürlich eine wahnsinnige Verbesserung merkbar - Und wer sich in der Landessprache unterhalten kann, der kann sich auch auf dem Arbeitsmarkt besser bewähren.

Dann erhalten Sie auch Auskünfte über das österreichische Rechtssystem, Arbeitsrecht und sie wissen nach diesen sechs Monaten vielleicht besser, was sie können, was sie für Österreich bringen können und was sie wollen.

derStandard.at: Was passiert eigentlich, wenn die Projektförderung abgelaufen ist?

Manolakos: Ja, das ist natürlich immer die große Frage, das ist das Traurige an der Sache, wenn es durch Projektgelder gefördert wird, denn solche Projekte können nach Ende des Förderungszeitraums auch sterben. Deshalb begleiten wir das Projekt auch wissenschaftlich, um unseren Geldgebern fundierte Daten vorlegen zu können, die sie davon überzeugen, dass es Sinn macht.

derStandard.at: Wie war eigentlich der Andrang bei den Kursen?

Manolakos: Der Andrang ist enorm: Für den ersten Kurs war die Anmeldung drei Wochen lang geöffnet und da haben sich 721 Personen angemeldet.

derStandard.at: Und wie viele Plätze gibt es?

Manolakos: Es gibt 112 geförderte Plätze. Davon werden die LehrerInnen gestellt, die TeilnehmerInnen erhalten eine Monatsfahrkarte, damit sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln die Kurse besuchen können und es wird Unterrichtsmaterial abgedeckt.

Das Gespräch führte Sonja Fercher

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"First Aid in Integration"

  • Theodora Manolakos arbeitet beim Verein "Zeit!Raum", der die Gesamtkoordination für das Projekt über hat. Seit 2005 leitet sie ein Modul, das die Erarbeitung von "Integrations­standards" zum Ziel hat: "Das bedeutet, wir erheben, welche Rahmen­bedingungen gegeben sein müssen, damit AsylwerberInnen mit Beendigung ihres Asylverfahrens mit einem positiven Bescheid so rasch wie möglich integriert werden können", so Manolakos.
    foto: derstandard.at

    Theodora Manolakos arbeitet beim Verein "Zeit!Raum", der die Gesamtkoordination für das Projekt über hat. Seit 2005 leitet sie ein Modul, das die Erarbeitung von "Integrations­standards" zum Ziel hat: "Das bedeutet, wir erheben, welche Rahmen­bedingungen gegeben sein müssen, damit AsylwerberInnen mit Beendigung ihres Asylverfahrens mit einem positiven Bescheid so rasch wie möglich integriert werden können", so Manolakos.

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