Kommentar: Empörungsgeräusche

12. Juni 2006, 11:10
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Dass in Wien irgendwer Kokain konsumiert haben könnte, hat also nie wer gewusst ... - von Thomas Rottenberg

Von dem Krach kriegt man jetzt schon Kopfweh. Aber das wird von Übelkeit überstrahlt. Denn schlimmer als das Geräusch der kollektiv empört, entsetzt und überrascht über den Köpfen der Wiener "Seitenblicke"-Szene gerade zusammenpaschenden Hände ist die Verlogenheit hinter der Empörung: Dass in Wien irgendwer Kokain konsumiert haben könnte (oder es gar immer noch tut), hat also nie wer gewusst. Oder gar mitbekommen. Hand aufs Herz.

Aber solange man ihn oder sie bloß nicht zitiert, hat es dann eh jeder gewusst. Immer schon. Und zwar genau bei dem, bei der und bei dem. Und bei dem sowieso. Und dass es gerade "den Rainhard" jetzt erwischt hat, ist halt Pech. Für ihn. Und für alle, die er "verwamst" hat. Obwohl: Ob das echt nötig war? Ein bisserl mehr Stil ... und so weiter.

Das Phänomen ist nicht neu. Nur konnte man sich in der Wiener Gesellschaft in den letzten Jahren halt zurücklehnen - und zuschauen, wie es Promis anderswo beim Koksen aufstellt. Kate Moss etwa. Das Ritual aus erstens Empörung, zweitens tätiger Reue und drittens Vergebung war - auf einem anderen, internationalen Level - das gleiche, das nun bei Rainhard Fendrich einsetzt. Weil sich das so gehört. Weil man Drogen nicht verharmlosen darf. Nicht zuletzt, weil es gilt, Jugendliche zu schützen.

Dabei ist just dieser Umgang verharmlosend. Weil er suggeriert, dass das jeder kann: cool sein, Drogen nehmen, erwischt werden, clean werden und dann lächelnd (wieder) in der Oberliga mitspielen. Bloß ist das halt nicht wahr. Aber zu sagen, dass es eben Menschen gibt, die es sich schlicht leisten können, den Gegenwert eines Luxussportwagens durch die Nase zu ziehen, ohne Job, Freunde, Wohnung oder Ansehen zu verlieren, gilt als unanständig. Als obszön. Obwohl es nur ehrlich wäre. (Thomas Rottenberg, DER STANDARD - Printausgabe, 12. Mai 2006)

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