Stoff für das "Belohnungszentrum"

12. Juni 2006, 11:10
posten

Kokain-Boom hält unverändert an - Immer mehr Menschen konsumieren die Droge intravenös

Wien - Die 245 Kilogramm Kokain, die von Drogenfahndern im Vorjahr in Österreich aus dem Verkehr gezogen wurden, waren Rekord. Das Plus gegenüber 2004 betrug satte 220 Prozent. Doch nicht nur die Polizeiarbeit belegt, dass der Boom des weißen Pulvers weiter ungebrochen ist.

Ein Gramm Koks wird auf dem illegalen Schwarzmarkt um 60 Euro angeboten, noch vor vier Jahren kassierten die Dealer um ein Drittel mehr. Anders als in der Schickimicki-Szene, in der Kokain nach wie vor meist durch die Nase geht, wird in der so genannten Straßenszene der intravenöse Konsum bevorzugt. Ein folgenschwerer Trend, denn mit der Spritze kehrten plötzlich auch bei Kokain Infektionsrisiken (HIV, Hepatitis) ein.

Eine ähnliche Situation ist in vielen anderen Ländern Europas zu beobachten. Drogenfachleute sind sich einig, dass das nur zum Teil auf den Preisverfall zurückzuführen ist. "Jede Zeit hat ihre Drogen, und Kokain passt einfach ins Heute, wo ständig Höchstleistungen gefordert werden und selten Lob ausgesprochen wird", meinte etwa der niederländische Arzt Giel van Brussel anlässlich eines STANDARD-Besuches bei der städtischen Gesundheitsbehörde in Amsterdam im Vorjahr. "Kokain bewirkt im Körper die Ausschüttung von Dopamin, was wiederum das Belohnungszentrum im Gehirn massiv stimuliert. Das hat eine gewisse Euphorie zur Folge", erklärt Hans Haltmayer, der ärztliche Leiter des Wiener Drogenambulatoriums "Ganslwirt", die Wirkung der Droge.

Der Verein Wiener Sozialprojekte (VWS), der neben dem "Ganslwirt" etliche andere Hilfseinrichtungen für Suchtkranke betreibt, beschreibt drei Gruppen von Konsumenten: Personen die hauptsächlich Kokain nehmen, darunter sind häufig auch Umsteiger nach langjährigem Konsum von synthetischen Suchtmitteln; Personen mit polytoxikomanem Konsummuster, das heißt, sie mischen zu gleichen Teilen Kokain und Opiate; Personen, die primär Opiate einwerfen und nur gelegentlich in den "Schnee" greifen.

Bei vielen Klienten bleibe der Konsum konstant und kontrollierbar. Manche zeigten jedoch exzessive Phasen, die auch "Koka-Run" genannt werden. Dabei wird bis zu 20-mal pro Tag Kokain genommen, und das mehrere Tage hindurch. Am Ende steht eine völlige körperliche und geistige Erschöpfung, die ohne professionelle Hilfe lebensgefährlich ist. (simo, DER STANDARD - Printausgabe, 12. Mai 2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Abgefangene Kokain-Sendung im kriminaltechnischen Labor. Nach der Analyse und Dokumentation wird das Suchtgift in der Müllverbrennungsanlage vernichtet.

Share if you care.